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Warten auf Berufungsurteil zu Ärztin: Mutter von totem Baby Nils spricht über "gynäkologische Gewalt" im Kreißsaal

Nach 9 Jahren warten die Eltern des 2010 verstorbenen Babys Nils auf ein definitives Urteil über eine Gynäkologin, die sie für den Tod ihres Sohnes mitverantwortlich machen. Das Urteil des Berufungsgerichts in Gent war für den 26. Juni angesetzt. Doch schon jetzt scheint, dass der Termin vielleicht verschoben werden könnte. Die Eltern fragen sich, wann das nervenzehrende Warten auf das endgültige Urteil endlich ein Ende hat. (Das Video zum Text oben, wurde am 20. Mai, also 1 Tag vor dem Berufungsprozess vom 21. Mai 2019 in der VRT aufgezeichnet. Achtung: Die Bilder und Inhalte im Video können schockieren! Anmerkung: Gegen das Krankenhaus in Ostende wird in diesem Zusammenhang nicht geklagt!)

Mutter Marta aus Bredene (Westflandern) versucht, gegenüber der VRT den Hergang und die Geburt von Nils sachlich und ohne Weinen zu beschreiben (s. Video). Doch das gelingt ihr nur teilweise: Mit dem Berufungsprozess kommt der ganze Schmerz wieder hoch, sagt sie. Sie erzählt – sichtlich mit einem Kloß im Hals-, wie sie, die ursprünglich aus der Slowakei stammt und in Deutschland studiert hat, mit ihrer Tochter (heute 23) nach Belgien kam, hier ihre große Liebe Stijn traf und wie sehr sie sich auf ihr Baby freuten. Das Krankenhaus Henri Serruys in Ostende habe für Wassergeburten geworben. Nils sollte dort natürlich auf die Welt kommen.

Sie habe sich viele Gedanken gemacht, da schon die klinische Geburt ihrer Tochter schwierig gewesen sei, doch habe sie dieses Mal volles Vertrauen gehabt. Das sei mit dem Tod von Nils gebrochen worden und heute, neun Jahre danach, noch immer ein Stück weit verloren.

Nils wurde im Oktober 2010 im Henri Serruys Hospital in Ostende geboren, doch er erlitt offenbar aufgrund von Sauerstoffmangel eine schwere Hirnverletzung und musste wiederbelebt werden. Das Neugeborene wurde ins AZ Sint-Jan in Brügge verlegt, konnte aber nicht gerettet werden. Er starb dort wenige Tage später.

Die Geburt selbst erlebte Marta als Horror. Geblieben ist ihr ein Trauma. Und nachdem sie und ihr Mann die Krankenakte studierten, entdeckten sie, dass der Tod ihres Babys wahrscheinlich hätte verhindert werden können, bzw. dass es gar nicht erst zu Komplikationen hätte kommen dürfen. Nils sei, davon ist Marta fest überzeugt, ein gesundes Baby gewesen als sie das Krankenhaus betreten habe, um ihr Kind dort zu gebären. Die Leiterin der Gynäkologie-Abteilung von Henri Serruys, V.D., zu dem Zeitpunkt 53 Jahre, die heute noch in dem Krankenhaus arbeitet, hat Marta damals offenbar Oxytocin gespritzt: ein Kuschelhormon zur Beschleunigung der Geburt, das heißt, mit dem die Wehentätigkeit beeinflusst werden kann. Obwohl Oxytocin nur in die Vene injiziert werden soll (dadurch kann das Medikament schrittweise und besser dosiert werden, Red.), hat die Ärztin den Stoff intramuskulär direkt in den Muskel injiziert.

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Titanische Schmerzen“

Es seien „titanische Schmerzen“ gewesen, so stark hätten die Wehen nach der Verabreichung des Medikaments eingesetzt, bezeugt Marta. Heute ist sie überzeugt, dass dadurch ihr Kind verletzt worden sei. Auch ihr Anwalt habe das bei Gericht betont: Die Fachärztin habe einen Fehler gemacht. Sie hätte es besser wissen müssen. Nils sei quasi im Bauch seiner eigenen Mutter zu Tode gequetscht worden.

Vor acht Jahren ist die Gynäkologin V.D. aus Oudenburg für den Tod von Nils mitverantwortlich gemacht worden. Sie wurde vom Brügger Strafgericht der unbeabsichtigten Tötung für schuldig befunden und zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Ein Kollegium aus mindestens fünf Experten auf diesem Fachgebiet war zu dem Schluss gekommen, dass die Tatsache, dass die Verabreichung des Stoffes die Ursache ist, nachgewiesen sei. Doch die Gynäkologin ging in Berufung. Am 21. Mai dieses Jahres (einen Tag nach Aufzeichnung des Interviews, s. Video oben) war die Verhandlung vor dem Berufungsgericht in Gent.

Der Rechtsanwalt von V.D., Rudi Vermeiren, erklärte, dass der Hirnschaden durch eine Verletzung während der Schwangerschaft verursacht worden sein könnte. Er spricht von einer möglichen Infektion während der Schwangerschaft, etwas Virales und bat um einen Freispruch und eine neue Einbestellung von Experten.

Das Experten-Kollegium hatte diese Möglichkeit in erster Instanz jedoch für "sehr klein" gehalten. Auch die Berufungsstaatsanwaltschaft folgte nicht der Position der Verteidigung. "Dieser Fall ist ein Alptraum", so der Generalstaatsanwalt. (…) Bei allem Respekt, ich sage, dass dort ein Fehler gemacht wurde."

V.D. bekam das letzte Wort vor dem Berufungsgericht: "Ich hatte keinen einzigen Moment, um zu signalisieren, dass Nils in Schwierigkeiten steckt."

„Keine Entschuldigung von ihr, zu keinem Zeitpunkt, nichts“, reagiert Marta auch noch einmal nach dem Berufungsprozess.

Sie hatte eine Entschuldigung auf menschlicher Ebene erwartet. Das, so sagt sie im Interview einen Tag vor dem Berufungsprozess, sei wichtig für alle Frauen, die dort vielleicht schon vorher gelitten hätten. "Das ist vielleicht wichtig für die ganze medizinische Welt der Geburten, denn ich habe das selbst als gewaltsam empfunden von ihr, als eine gynäkologische Gewalt.“

Ich will einen Hammerschlag hören“

„Ich will einen Hammerschlag hören. Das ist wichtig. Erst dann haben wir einen Beweis, dass diese Überdosierung stattgefunden hat, dass es solche Wirkungen haben kann und dass da Missbrauch passieren kann“, sagt Marta auch noch.

Sie hätte sich gewünscht, dass Ärztin und Beteiligte im Krankenhaus gemeinsam mit ihr versuchten, die Ursache für den Tod von Nils zu finden, aber das sei in keinster Weise geschehen.

Jetzt will sie endlich abschließen und eines Tages auch verzeihen können. „Ich möchte auch, dass die Menschen wieder vertrauen haben in die Klinik.“ Dort arbeiteten auch gute Ärzte, so Marta.

Marta hat inzwischen zwei weitere, gesunde Kinder geboren. Beides waren Hausgeburten, beide verliefen ohne Komplikationen. Vielleicht schafft sie selber es ja auch, irgendwann wieder mehr Vertrauen in die Klinik zu bekommen, doch dafür brauche es mindestens eine persönliche Entschuldigung – von Frau zu Frau oder in einem Brief-, ein Wort, ein Satz der Gynäkologin, ohne deren Fehler – wiederholt Marta noch einmal – Nils heute wahrscheinlich noch am Leben wäre.