Die kleine unbekannte Kirche, die doch jeder kennt…

Die Sankt-Catharina-Kirche von Diegem am Rande von Brüssel in der Provinz Flämisch-Brabant steht eigentlich in keinen Reiseführer, doch viele Zeitgenossen aus dem In- und Ausland haben sie wohl schon gesehen. Das Kreuz auf dem Kirchturm ist sichtbar von der Autobahn E 40 aus, von der vielbefahrenen Bahnlinie Brüssel-Löwen und auch aus den am Brussels Airport startenden und landenden Flugzeugen… Die Fotos zu diesem Beitrag stammen von unserem VRT NWS-Grafiker und Fotografen Alexander Dumarey. 

Das besondere an der Kirche ist eigentlich nicht nur die Geschichte des Gebäudes oder die kirchliche und architektonische Bedeutung, sondern das rote Warnlicht auf dem Kreuz des Kirchturms. Dieses gilt zum einen als Warnlicht für den Kirchturm der Sankt-Catharina-Kirche von Diegem und zum anderen an der Tatsache, dass es Leuchtmarkierung für die Piloten beim Lande- oder Startvorgang in Zaventem (der Nachbargemeinde von Diegem). Seit Jahrzehnten gilt dieses rote Warnlicht als Sicherheitsmerkmal für den Flugverkehr und es ist auch aus dem Flugzeug heraus für die Flugreisenden zu sehen. Finanziert wird das Licht bzw. die Stromrechnung dafür von den Flughafenbehörden.

Doch auch die Geschichte der Kirche an sich ist interessant und sollte einmal erzählt werden. Diese Kirche steht auch im Mittelpunkt eines Gemäldes, dessen Geschichte auch sehr interessant ist. 

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Die Sankt-Catharina-Kirche von Diegem wurde mit ihrem barocken Turm 1654 zu Ehren des Heiligen Cornelius, einem frühchristlichen Papst und Märtyrer errichtet. Auf einem quadratisch angelegten Unterbau wurde ein spitzer Turm aus Sandstein in Form der drei Kronen einer Tiara, also einer päpstlichen Krone errichtet. Das Basisbaumaterial ist übrigens weißgrauer Kalksandstein aus der Region. Später bekam die Sankt-Cornelius-Kirche mit der Heiligen Katharina einen zweiten Schutzheiligen, bzw. eine Schutzheilige hinzu. Vollständig müsste diese Kirche demnach „Sankt-Cornelius- und Sankt-Catharina-Kirche“ genannt werden.

In ihrem Inneren ist die Kirche von Diegem reich verziert und dekoriert. Die Stücke, die dafür sorgen, sind Gaben der zahllosen Pilger, die im Laufe der Jahrhunderte hierher kamen. Symbolisch dafür ist wohl auch der enorme Opferblock aus Eichenholz, der mit Pilgerspenden finanziert wurde. Dieser wurde verwendet, weil es eine Zeit lang zur Gewohnheit geworden war, der Kirche lebende Tiere zu schenken. Übrigens gibt es noch heute in dieser Kirche einen kleinen „Opferschalter“… 

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Pilgerfahrt an jedem Ostersonntag - Verewigt in einem Gemälde

Jedes Jahr zu Ostersonntag bietet die Pilgerfahrt zur Sankt-Catharina-Kirche von Diegem den Höhepunkt des kirchlichen Jahres. Dann werden dort die Reliquien des Heiligen Märtyrers Sankt-Cornelius angebetet. Eine solche Pilgerfahrt an Ostern verewigte 1857 der Maler Charles Degroux (1825-1870). Dessen Gemälde „Pilgerfahrt nach Diegem“ ist ein Schulbeispiel dafür, dass religiöse Themen sehr oft mit weltlichen Gegebenheiten verbunden wurden, denn Degroux gilt eher als ein sozial-realistischer Maler. Charles Degroux stammte aus Comines in Französisch-Flandern und starb in Brüssel im Ortsteil Sint-Joost-ten-Noode.

Degroux malte sehr oft Pilgerreisen, Prozessionen und andere katholische Rituale, denn als sozial-realistischem Künstler war er davon überzeugt, dass dies wesentliche Lebensbereiche der einfachen Leute berührte. Ob der Maler der Kirche gegenüber eher kritisch eingestellt war, ist heute nicht bekannt. Offenbar aber bewunderte er die Frömmigkeit der Gläubigen. Oder wollte er nur zeigen, dass das einfache Volk seinerzeit naiv und unterwürfig war…

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„Pilgerfahrt nach Diegem“ , Charles Degroux

Andere Gemälde von Charles Degroux thematisieren die Armut, die auch im heutigen Belgien im Zuge der Industrialisierung immer deutlicher wurde. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde im 19. Jahrhundert immer größer und die Landflucht in Richtung der Städte brachte vielen erst jenes Elend, dem sie auf dem Lande zu entfliehen versuchten. Die Titel einiger Degroux-Werke lassen erahnen, wie es damals zuging: „Der Trunkenbold“, „Suppe für die Armen“, „Die Armenbank“… Heute haben die Bilder von Charles Degroux durchaus dokumentarischen Wert. Er selber wollte die Armut anklagen. Empathie erzeugen, in dem er die Unvermeidbarkeit dieser Armut aufzeigte, war sein Hintergrund.

Die „Pilgerfahrt nach Diegem“ ist heute im Besitz des Musée des Beaux Arts, dem Museum der Schönen Künste in Tournai in der wallonischen Provinz Hennegau zu sehen.

Übrigens, die Kirche von Diegem und ihr heute so berühmter Kirchturm haben den Zweiten Weltkrieg schadlos überstanden. Die Deutschen bauten den Turm Stein für Stein damals ab, um die Maschinen ihrer Luftwaffe bei Starts oder Landungen in Zaventem nicht zu behindern. 1951 wurde der Turm der Sankt-Catharina-Kirche von Diegem wieder aufgebaut…