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Philippe und Mathilde in Thüringen und Sachsen-Anhalt: Die ostdeutschen Wurzeln des belgischen Königshauses

Vielen Belgier ist es absolut nicht bewusst: Ihr Königshaus stammt – genau wie das Britische - vom thüringischen Haus Sachsen-Coburg und Gotha ab. Belgiens König Philippe (Foto) besucht auch aus diesem Grund ab Dienstag mit seiner Gemahlin, Königin Mathilde, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Rosemarie Barthel vom Staatsarchiv Gotha,  hat sich sehr genau mit dem Stammbaum des belgischen Staatsoberhaupts befasst.

Das belgische Königspaar wird ab Dienstag in den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Thüringen zu Besuch sein. Zum Auftakt werden König Philippe und Königin Mathilde in Gotha das Schloss Friedenstein besuchen. Das frühere Herzogtum Sachsen-Coburg hatte dort einen Sitz. Damit kehrt das Königspaar zu einer der Wurzeln der belgischen Königsfamilie zurück.

Wie die „Thüringische Landeszeitung“ in ihrer Wochenendausgabe berichtet, hat die 66-Jährige seit fast 50 Jahren im Staatsarchiv Gotha zahlreiche Quellen zu den Ursprüngen der beiden Königshäuser ausgiebig studiert und ausgewertet.

Vor etwa zehn Jahren wurde im Staatsarchiv ein Karton wiederentdeckt, der Fragmente eines riesigen Plakats enthielt. So schlecht der Zustand der Papierfetzen auch war, so weckten sie doch die Neugier der Archivarin: Sie legte zunächst einige Teile des zum Puzzle zerfallenen Dokuments zusammen, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, und stellte dabei fest, dass das Fundstück 2 mal 4 Meter groß und einst dazu gedacht war, das Programm der Feierlichkeiten zum 25. Regierungsjubiläum Leopolds I. von Belgien im Juli 1856 in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Das Plakat (Foto hierunter), von dem offenbar nur noch dieses eine Exemplar existiert, konnte restauriert und 2010 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Jetzt ruht es wieder, sorgsam aufgerollt, in einem eigens gezimmerten hölzernen Kasten im Magazin des Staatsarchivs.

(Bitte lesen Sie unter dem Foto weiter)

Belgiens erster König Leopold I., der Urahne von König Philippe, war zunächst Prinz von Sachsen-Coburg-Saalfeld, von 1826 an dann Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha. Als jüngster Sohn eines eher unbedeutenden und noch dazu verschuldeten kleinen Herzoghauses hatte Leopold alles andere als optimale Startbedingungen für eine große Karriere. Was der Adelsspross allerdings hatte, das war eine sehr ehrgeizige und obendrein geschickt agierende Mutter. Jener Auguste, der Tochter des Grafen Heinrich XXIV. Reuß zu Ebersdorf, ist es nämlich zu verdanken, dass das Haus Sachsen-Coburg und Gotha über kurz oder lang in ganz Europa Throne besetzen konnte.

Als Leopold 1814 im Alter von 24 Jahren im Gefolge des russischen Zaren London besuchte, lernte er die englische Thronfolgerin Charlotte Augusta von Wales kennen. Und während in jener Zeit die meisten Ehen von Adligen aus Gründen der Staatsräson, des Machterhalts oder des Geldes arrangiert wurden und gegenseitige Zuneigung kaum eine Rolle spielte, schlug bei Leopold und Charlotte offenbar der Blitz ein: Beide sollen, kaum dass sie sich erstmals begegnet waren, einander sehr zugetan gewesen sein. 1816 heirateten sie in London und Leopolds Mutter Augusta war fast am Ziel: der eigene Sohn verheiratet mit der zukünftigen Königin von England.

Bedauerlicherweise fand die romantische Liebe ein tragisches Ende: Denn nicht einmal anderthalb Jahre nach der Hochzeit starb Prinzessin Charlotte Augusta einen Tag nach der Totgeburt ihres Sohnes im Kindbett. Leopold blieb völlig verzweifelt zurück, Schmerz und Trauer überwältigten ihn, er war geradezu untröstlich.

König von Belgien

Doch als Schwiegersohn des englischen Königs konnte und durfte er sich seinem Kummer nicht vollends hingeben, zumal jetzt nicht nur die britische Thronfolge wieder ungeklärt war, sondern Leopold auch für ein hohes Amt in Frage kam. Zwei Möglichkeiten sollten sich ihm bieten: Zuerst wurde ihm die griechische Krone angetragen, die er aber wegen der unsicheren Verhältnisse in Griechenland nach reiflicher Überlegung ablehnte.

Eine kluge Entscheidung, wie sich ein Jahr darauf zeigte: Denn nachdem Belgien am 4. Oktober 1830 die Unabhängigkeit von den Niederlanden verkündet hatte, wurde Leopold vom belgischen Nationalkongress gefragt, ob er König der Belgier werden wolle.

Man suchte ganz bewusst nach einer neutralen Person und wollte keinen König aus den eigenen Adelsreihen
Rosemarie Barthel

Leopold schien den Belgiern genau der Richtige für das Amt sein: aus einem kleinen Fürstenhaus stammend, aber dennoch weit gereist und weltgewandt. 1831 legte der Deutsche den Eid auf die Verfassung ab und wurde nicht etwa König von Belgien, sondern König der Belgier – ein Titel, der für eine dem Volk verbundene, nicht über ihm thronende Monarchie steht. Leopolds Mutter Auguste soll den Tag später als den glücklichsten ihres Lebens bezeichnet haben, denn nun war sie sogar die Mutter eines Königs.

Leopolds Antrittsrede drückte derweil Demut und Dankbarkeit und den unbedingten Willen aus, ein guter Monarch zu sein: „Belgier“, soll er Überlieferungen zufolge gesagt haben, „durch Ihre Adoption werde ich es mir zum Gesetze machen, durch meine Politik stets Belgier zu bleiben.“

Über Leopolds Thronbesteigung berichtete damals auch die „Gothaische politische Zeitung“ ausführlich, so dass auch das Volk in seiner thüringisch-fränkischen Heimat genau über seinen Werdegang informiert war. König Leopold I., der 1832 ein zweites Mal heiratete und Louise d’Orléans zur Frau nahm, war bei den Belgiern überaus beliebt. Deshalb wurde auch der 25. Jahrestag seiner Thronbesteigung mit großer Begeisterung gefeiert – jener Jahrestag, für den das eingangs erwähnte riesige Plakat gefertigt wurde. Als Leopold I. schließlich 1865 verstarb, versank das Volk in tiefer Trauer.

Spurensuche mit dem belgischen Königspaar

Auch mit König Philippe und Königin Mathilde wird Rosemarie Barthel auf Spurensuche gehen. Für die Visite des Paares bereitet sie eine Vitrine mit besonders wertvollen Schriftstücken vor: Unter Glas ausgebreitet werden am Dienstag unter anderem zwei von Leopold I. unterzeichnete Staatsverträge und das Inventar des belgischen Staatsarchivs von 1837.

Höhepunkte des königlichen Besuchs am Dienstag, 9. Juli, in Thüringen werden neben den inhaltlichen Schwerpunkten auch zwei Bürgerbegegnungen sein: Bereits um 11.30 Uhr treffen der König und die Königin der Belgier am Dienstag am Ausgang von Schloss Friedenstein auf die Gothaer Bürgerinnen und Bürger.

Am Nachmittag werden dann in der Klassikerstadt Weimar die Hände geschüttelt: Um 16 Uhr empfängt Weimars Oberbürgermeister Peter Kleine gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern das Königspaar am Neuen Museum in Weimar.

Das belgische Königspaar wird auch die Gedenkstätte Buchenwald besuchen und den Opfern des Zweiten Weltkriegs gedenken.

(Quelle: „Thüringische Landeszeitung“)

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