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Unia: „Ich kann Herrn Freilich beruhigen. Es arbeiten auch Menschen mit jüdischem Hintergrund für Unia“

Nach dem Interview mit dem belgischen N-VA-Abgeordneten und Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Belgien, Michael Freilich, haben wir Unia, das Zentrum für Chancengleichheit und für Rassismusbekämpfung, in einem Interview mit Bram Sebrechts von der Unia-Presseabteilung Stellung nehmen lassen. Auch ihm haben wir Fragen zu Antisemitismus in Belgien gestellt. Das Interview führte Uta Neumann.

1.      Herr Sebrechts, hat der Antisemitismus in Belgien in den letzten fünf Jahren wirklich zugenommen? Was ist die Erfahrung von Unia?

Bram Sebrechts, Unia: „Zum vierten Mal in zehn Jahren hat Unia mehr als 100 Fälle von Antisemitismus untersucht. Die Zahl der registrierten antisemitischen Vorfälle hat sich im vergangenen Jahr fast verdoppelt: von 56 antijüdischen Vorfällen im Jahr 2017 auf 101 im Jahr 2018. Hat der Antisemitismus zugenommen? Auf der Grundlage dieser Zahlen ist dies schwierig, zu sagen. Zwei Anmerkungen: Mehr Menschen melden einen Hass auf Juden, und dieser Anstieg ist auch international zu beobachten.“

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2.      Welche Beschwerden über Antisemitismus gehen bei Unia ein? Worum geht es bei diesen Beschwerden in der Regel?

Bram Sebrechts, Unia: „Juden werden häufiger mit Hassbotschaften und Hassverbrechen konfrontiert, weniger mit Diskriminierung, wie z.B. Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz oder auf dem Wohnungsmarkt. Besonders an Orten, an denen viele Juden leben oder sich treffen, kommt es zu Konfrontationen. So wurden beispielsweise Hakenkreuze auf Garagentore gesprüht oder Fenster eingeschlagen. Im vergangenen Jahr gab es sechs Vorfälle von Vandalismus, verglichen mit einem im Jahr 2017. Darüber hinaus wurden Menschen, die als Juden erkennbar sind, mit Beleidigungen oder Drohungen konfrontiert. Im Jahr 2018 eröffnete Unia 15 Akten über verbale Gewalt oder Drohungen. Im Jahr 2017 waren es elf.“

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3.      Was unternimmt Unia bei Beschwerden über Antisemitismus und was macht Unia, um die Situation zu verbessern?

Bram Sebrechts, Unia: „Wir treffen uns regelmäßig mit dem Minister für Justiz und dem Minister für Chancengleichheit und mit Vertretern jüdischer Organisationen. Sie sind unsere ersten Partner im Kampf gegen den Antisemitismus. Es handelt sich um das Forum der jüdischen Organisationen, das Jüdische Konsistorium und das CCOJB. Auch auf diese Weise bleiben wir auf dem Laufenden.“

„Im Allgemeinen suchen wir im Falle von Diskriminierungsberichten nach einer Verhandlungslösung. Für Hassbotschaften arbeiten wir mit Social Media-Unternehmen wie Facebook und Twitter zusammen, um Hassbotschaften oder Konten zu entfernen. Wenn Täter andere immer wieder auffordern, Juden zu hassen oder bewusst dazu anregen, den Holocaust zu befürworten oder zu minimieren, gehen wir vor Gericht. So sind wir beispielsweise an der Klage des Nazi-Hauses in Keerbergen beteiligt und wir waren an der Klage im Fallle des Anschlags auf das Jüdische Museum in Belgien beteiligt.“

„Bei Hassverbrechen ist oft Gewalt im Spiel und Verhandlungen sind keine Option. Auch dann gehen wir vor Gericht. Im Jahr 2018 hat Unia sechs Mal rechtliche Schritte gegen antijüdische Vorfälle eingeleitet.“

4.      Was halten Sie von der Antwort von Herrn Freilich, der sagt, es sei ein Zeichen einer gewissen Mentalität, dass es bei Unia keinen einzigen jüdischen Mitarbeiter gebe und dass das derzeitige Management und die früheren für ihren anti-israelischen Aktivismus bekannt gewesen seien. Herr Freitag will deshalb auch zur Verwirklichung eines Koordinators für jüdische Angelegenheiten beitragen. Folgt das Management von Unia wirklich einem 'anti-israelischen Aktivismus'?

Bram Sebrechts, Unia: „Wir können Herrn Freilich beruhigen: Teilweise auf Anregung von Unia wurde erneut eine Wachsamkeitsgruppe Antisemitismus einberufen, die den Antisemitismus unter anderem gemeinsam mit der Verwaltung, der Polizei und der Justiz überwacht. Wie wir in unserer Stellungnahme an die Initiatoren der Senatsbeschlusses zum Antisemitismus angedeutet haben, befürworten wir einen Antisemitismuskoordinator, wie er auch auf europäischer Ebene tätig ist.“

„Darüber hinaus weiß jeder, dass man in unserem Land nicht die Überzeugungen oder die Herkunft der Mitarbeiter registrieren darf, geschweige denn, dass es sich um ein Kriterium handelt, nach dem man rekrutieren würde. Das wäre reine Diskriminierung. Doch auch hier kann Herr Freilich beruhigt sein. Es arbeiten auch Menschen mit jüdischem Hintergrund für Unia. Was seine Aussagen über die Direktion betrifft, fragen wir uns, was Herr Freilich eigentlich meint.“

Vielen Dank für das Interview, Herr Sebrechts!

An dieser Stelle möchten wir noch einmal darauf hinweisen, dass VRT NWS einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte über aktuelle Themen leisten will und deshalb unterschiedliche Stimmen und Meinungen zu Wort kommen lässt. Die VRT vertritt nicht unbedingt die Meinung der Interviewpartner.