Leitkultur in Flandern? Wo soll der Maßstab für Einwanderer liegen?

Im Strategiepapier als Grundlage für die anlaufenden Koalitionsverhandlungen in Flandern ist auch ein Absatz enthalten, in dem Informator und N-VA-Parteichef Bart De Wever für einen „Kanon“ plädiert, an den sich Einwanderer halten sollen, um sich hier zu integrieren. Dieser „Kanon“ soll eine Art kulturgeschichtlicher Maßstab sein, wohl im Sinne einer „Leitkultur“.

Im ursprünglichen Sinne ist ein „Kanon“ eine Liste von biblischen Schriften, die die Katholische Kirche einst anerkannte und heute noch anerkennt. In diesem Sinne ist dies ein Leitfaden für die Gläubigen. Einen solchen „Kanon“ hat Bart De Wever im Sinn, wenn er in seinem Strategiepapier von einem Leitfaden oder einem Maßstab in Sachen Bildung, Kultur und Geschichte spricht, an den sich auch Einwanderer bei ihrer Einbürgerung halten sollen. Die Idee ist dahinter, dass sich Einwanderer einer Prüfung, einer Klausur unterziehen sollen. In den Niederlanden besteht bereits solch ein Leitfaden für Einwanderer.

Doch diese Idee wird auch kritisiert und kommt nicht überall gut an. Zum Beispiel Karel Van Nieuwenhuyse, Historiker an der Löwener Universität (KU Leuven), hält nichts davon. Für ihn ist dies „elitäres Denken“ und überdies führe eine solche Regelung eher zum Ausschluss von Menschen in der Gesellschaft.  

Foto (C) Peter Hilz

Um ein Identitätsverständnis der jüngeren Generation zu fördern, stellen wir nach niederländischem Vorbild einen flämischen Kanon auf, eine Liste von Ankerpunkten aus unserer flämischen Kultur und Geschichte, die Flandern als europäische Nation typisiert und die unsere Schulkinder in der Schule und die Neuankömmlinge in unseren Einbürgerungskursen lernen müssen.“

Strategiepapier von Bart De Wever

Was aber soll in einem solchen Leitfaden stehen? Einige Punkte scheinen logisch zu sein, wie z.B. die „Schlacht der Goldenen Sporen“ in Kortrijk am 11. Juli 1302 oder Ambiorix, der Held der Belgaë, der lange Cäsars Römern die Stirn bieten konnte. Aber, hat das noch etwas mit dem Flandern von heute zu tun? Auch die „Flämischen Meister“ stammen aus einer Zeit, in der vom heutigen Flandern in dieser Form noch keine Rede war. Die Literatur von Hugo Claus vielleicht?

Prof. Van Nieuwenhuyse sagt dazu, dass dies eine „Telezeitmaschine“ sei, denn schon das Flandern im 14. Jahrhundert habe nichts mit dem Heute zu tun: „Damals hatten wir die Grafschaft Flandern und das Herzogtum Brabant, zwei bereits damals völlig unterschiedliche Gebietseinheiten. (…) Dies neigt zum Überlegenheitsdenken. Eine Gesellschaft ist nicht immer und nur aus Einflüssen von innen heraus entstanden, sondern auch durch Einflüsse von außen. Wenn solche Ereignisse in einer solchen Liste nicht vorkommen, handelt es sich meiner Ansicht nach um einen ausschließenden Mechanismus.“