Vor 75 Jahren: Antwerpen und der Hafen werden befreit

Nach der Landung in der Normandie am sogenannten D-Day hatten die Alliierten bei ihrem Vormarsch gegen das Deutsche Reich einen wichtigen Fixpunkt, der für ihren Nachschub extrem wichtig war. Das war der Hafen von Antwerpen. Nur einen Tag nach der Befreiung Brüssels rückten britische Panzertruppen in Richtung Hafen vor. Das musste schnell gehen, wie die britische Kommandantur von ihren Einheiten forderte.

„Die Docks! Rückt sofort zu den Docks vor und versucht sie zu erobern, bevor die Deutschen dort große Schäden anrichten können!“, befahl der britische Generalleutnant Brian Horrocks seinen Offizieren eindringlich. Antwerpen sollte eine wichtige Rolle in der Nachschubversorgung bei der definitiven Eroberung Deutschland einnehmen, denn viele französische Häfen waren entweder noch in deutscher Hand oder nach Kampfhandlungen und Bombardierungen schwer zerstört.

Am Morgen des 4. Septembers nähern sich die ersten britischen Panzer der Ortschaft Breendonck. Dort treffen die Soldaten auf den belgischen Ingenieur Robert Vekemans, ein Widerstandskämpfer, der die Gegend auf eigene Faust durchkämmt hat.

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Während die Briten weiter vorrücken, bewacht der Widerstand die Brücken über die Rupel/Foto: Sammlung Peter Taghon)

Vekemans berichtet den Briten, dass die Deutschen fast alle Brücken über die Rupel (Foto) und über den Kanal nach Brüssel vermint haben, doch eine kleine Klappbrücke haben sie wohl vergessen. Vekemans kann das Vertrauen des Kommandanten der Einheit gewinnen. Sie überqueren die kleine Brücke und fallen deutschen Truppen in den Rücken. Fast alle verminten Brücken können unbeschadet erobert werden. Die Minen und andere Sprengkörper werden entschärft und die Truppen können in Richtung Antwerpen vorrücken. Schon kurz vor Mittag erreichen die den Stadtrand.

Die deutschen Einheiten, die in Antwerpen und im dortigen Hafen stationiert sind, sind schwach ausgerüstet und der deutsche Generalmajor Christoph Graf zu Stolberg-Stolberg verfügt nur über 17.000 Mann - Soldaten und schlecht ausgebildete Hilfssoldaten sowie flämische Freiwillige. Der Verteidigungsring ist durchlässig und die Verminung des Hafens scheiterte an den Angriffen der bewaffneten Resistance. Die Briten können den deutschen Widerstand brechen und rücken bald von allen Seiten vor. Als sie das historische Stadtzentrum von Antwerpen gemeinsam mit den belgischen Widerstandseinheiten erreichen, werden sie schon von einer jubelnden Menge erwartet.

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Ein "Sherman"-Panzer mit dem Widerständler Robert Vekemans und dem britischen Kolonel Silvertop erreicht die Antwerpener Innenstadt/Foto: Sammlung Peter Taghon

Nach und nach geben die Deutschen in allen Stadtteilen auf, ergeben sich oder flüchten. Ganz ohne Feuergefechte und Verletzte und Gefallene geschieht das nicht, doch eigentlich geht es schnell. Im Hafen allerdings sind die Kampfhandlungen heftiger und es gelingt den Deutschen Tankschiffe in der Royerssluis zu sprengen. Auch Schleusentore der Kruisschanssluis werden zerstört. Die britischen Panzertruppen allerdings rücken über Land auch auf das andere Scheldeufer vor.

In der Nacht zum 5. September werden die Kampfhandlungen intensiver und deutsche Truppen können sich sammeln und eine Gegenoffensive starten. Doch gemeinsam mit den immer zahlreicher werdenden Widerständlern und Untergrundeinheiten rücken die Briten in Richtung Norden des Hafens vor und besetzen weitere Hafenanlagen.

Es soll noch länger dauern, bis die Alliierten den Hafen von Antwerpen wirklich nutzen können, denn die Deutsche Wehrmacht verschanzt sich am Albertkanal und die Scheldemündung in Zeeuws-Flandern und in Zeeland ist noch schwer umkämpft (siehe nebenstehenden Beitrag). Erst Ende September können britische und kanadische Einheiten über den Albertkanal vorrücken.

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Große Teile des Hafens mit seinen Anlagen bleiben unbeschädigt/Foto: IWM (A 26544)

Inzwischen gehen die Bewohner von Antwerpen, die Resistance und alle anderen Untergrundbewegungen hart gegen vermeintliche und echte Kollaborateure vor. Deutsche Kriegsgefangene, vor allem Offiziere, und Flamen, die mit der Wehrmacht gemeinsame Sache gemacht haben, werden in Käfige des Zoos von Antwerpen eingesperrt. Viele Menschen werden misshandelt und manche auch sofort umgebracht. Die endlich befreiten Antwerpener profitieren dabei von einer kurzen Form der Gesetz- und Rechtlosigkeit.

Heute wird diese Periode im belgischen Bundesland Flandern als eine eher unrühmliche Zeit beschrieben, denn diese Rechtlosigkeit machte auch vor unschuldigen Menschen keinen Halt (was allerdings fast überall in Belgien im Zuge der Befreiung der Fall war). Frauen, die amouröse Abenteuer mit deutschen Soldaten hatten, wurden z.B. kahlgeschoren, vergewaltigt und durch die Straßen gejagt. Menschen, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, wurden der Kollaboration beschuldigt und dementsprechend behandelt. Und echte Kollaborateure, die noch schnell die Seite gewechselt hatten, waren hier sehr aktiv, bevor sie selbst entdeckt wurden…