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Sind die guten Zeiten am belgischen Arbeitsmarkt vorbei?

Lange Zeit war die Zahl der offenen Stellen in Belgien sehr hoch. Überall wurde zusätzliches Personal gesucht. Grund dafür waren recht günstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ein leichter aber konstanter Wirtschaftsaufschwung, doch so langsam dreht sich der Wind. Internationale Handelskriege, der Brexit und die Unsicherheiten darum sowie auch die Tatsache, dass in unserem Land noch nichts Konkretes in Sachen Koalitionsbildung auf Bundesebene geschieht, ist der hiesigen wirtschaftlichen Lage nicht unbedingt förderlich. "Hört auf, herumzutrödeln!" schallt es dazu von Unternehmerseite her in Richtung Politik. 

Das große Credo der Regierung um Premierminister Charles Michel (MR) lautete jahrelang „Jobs, Jobs, Jobs!“. Tatsächlich stieg die Zahl der offenen Stellen belgienweit in den vergangenen Jahren stetig, doch inzwischen scheint diese Trendwende Geschichte zu sein. Im zweiten Quartal dieses Jahres lag die Zahl der offenen Stellen bei etwa 139.000 Angeboten. Das entspricht laut dem belgischen Statistikamt Statbel einem Rückgang um 4,6 % im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum.

Unübersehbar ist zudem, dass Großunternehmen in letzter Zeit wieder umstrukturieren und Personal entlassen, weil Standorte geschlossen werden oder weil Teile der Produktion in Billiglohnländer (auch innerhalb der EU) ausgelagert werden. Das war in letzter Zeit der Fall u.a. beim Softwareunternehmen OCE, bei der Allfinanzgruppe KBC, beim Getriebehersteller PunchPowertrain, bei der Warenhausgruppe Match oder beim Telekomriesen Proximus.

Schon in diesem Jahr, bis Ende August, gingen in Belgien etwa 4.800 Arbeitsplätze verloren. Das sind knapp 2.000 Jobs mehr als im gesamten vergangenen Jahr, meldet die flämische Tageszeitung De Standaard dazu. Weitere negative Indikatoren sind die sinkende Nachfrage nach Zeitarbeitsjobs (zumeist die Vorläufer von festen Anstellungen) und die Zunahme von Kurzarbeit. Im zweiten Trimester dieses Jahres konnten rund 93.000 Arbeitnehmer wegen der hier sogenannten „technischen Arbeitslosigkeit“ eine Zeit lang zuhause bleiben. Das ist eine Zunahme um 8,6 % gegenüber dem gleichen Zeitraum letztes Jahr. 

Aktuelle Daten der EU-Kommission zeigen, dass die Prognosen zum Arbeitsmarkt in der Industrie negativ sind.“

Peter Vanden Houte, Chefvolkswirt der ING Belgien

Für den leitenden Volkswirten der ING-Bank Belgien, Peter Vanden Houte, ist die Hochzeit am hiesigen Arbeitsmarkt vorbei. Gegenüber De Standaard sagte er dazu: „Aktuelle Daten der EU-Kommission zeigen, dass die Prognosen zum Arbeitsmarkt in der Industrie negativ sind. Nur der Dienstleistungssektor ist noch leicht positiv, doch auch hier sind die Werte weniger schnell steigend, als am Jahresanfang.“ Nur am Bau sei die Lage auf absehbare Zeit weiter gut, so Vanden Houte.  

Auf die absoluten Arbeitszahlen hat diese Entwicklung bisher noch keine Auswirkung. Wenn hier die Quote steigt, dann ist dies der letzte Schritt vor einer besorgniserregenden Entwicklung, so Beobachter. Davor warnen gerade die Wirtschaftsbosse im belgischen Bundesland Flandern, wo die Arbeitslosenquote derzeit allerdings noch 5 % unter denen des vergangenen Jahres liegen. 

Die Unternehmer sind beunruhigt und unsicher. Unsicher vor allem durch die Handelskonflikte und den Brexit. Aus Umfragen erkennen wir, dass eines von vier Unternehmen weniger exportiert.“

Hans Maertens, Aufsichtsratsvorsitzender des flämischen Unternehmerverbandes Voka

Internationale Handelskriege, das Tauziehen um den Brexit und das Ausbleiben einer Regierungsbildung auf belgischer Bundesebene treiben den Wirtschaftsbossen in Flandern die Sorgenfalten auf die Stirn. Der flämische Unternehmerverband Voka ruft deshalb die Politiker dazu auf, endlich voran zu machen und eine funktionierende Regierung sowohl auf belgischer Bundes-, als auch auf flämischer Landesebene zu bilden. Andernfalls, so Hans Maertens, Aufsichtsratsvorsitzender von Voka, soll eine sogenannte „Programmregierung“ Bereiche, wie den Haushalt, die Energiewende und den Brexit bearbeiten und vorbereiten.

Maertens zeigte sich gegenüber VRT NWS am Dienstagmorgen deutlich verärgert: „Hört auf, herumzutrödeln! Die Unternehmer sind beunruhigt und unsicher. Unsicher vor allem durch die Handelskonflikte und den Brexit. Aus Umfragen erkennen wir, dass eines von vier Unternehmen weniger exportiert - 30 % weniger nach Deutschland, 40 % weniger nach Großbritannien. (…) Jetzt sind Maßnahmen notwendig.“

Voka erinnert daran, dass die Unternehmer ihre Kunden in ihrem Fokus haben, sonst würden sie keine Erfolge verbuchen. Die aktuelle politische Klasse allerdings habe nur sich selbst im Blick, so Voka CEO Wouter De Geest in einer Ansprache vor Mitgliedern seines Verbandes: „Es ist Zeit für politische Führung und für Unternehmertum. Wir gehen in Richtung Alarmstufe Rot. Aber unterdessen hat sich die Regierungsbildung festgefahren.“