Juncker: "An der belgischen Küste spreche ich Deutsch, denn Französisch wird nicht mehr akzeptiert"

Der scheidende EU-Kommissionsvorsitzende Jean-Claude Juncker hat den belgischen Wirtschaftsblättern De Tijd und L’Echo ein Interview gegeben, in dem er feststellt, dass die Toleranz für Frankophone an der belgischen Küste abnimmt. Der Luxemburger gab zu verstehen, ab jetzt dort Deutsch zu sprechen, denn das sei offenbar wohl möglich: „Ich finde das skandalös lächerlich.“

Jean-Claude Juncker steht Belgien eigentlich sehr nahe. Seine Mutter hat einst in Brüssel als Reinigungskraft gearbeitet und er selbst ist unweit der luxemburgisch-belgischen Grenze aufgewachsen. Belgien berge keine Geheimnisse mehr vor ihm, so Juncker gegenüber De Tijd und L’Echo: „Gegenüber Freunden sage ich manchmal um einen Witz zu machen, dass Belgien das Stück Land ist, weswegen Luxemburg nicht an der Küste liegt.“

Jedes Jahr verbringt Juncker mindestens ein paar Tage in Middelkerke an der belgischen Nordseeküste, doch heute müsse er feststellen, dass dort die Toleranz abnehme: „Vor 30 Jahren konnte ich beim Metzger oder beim Bäcker einfach etwas in Französisch bestellen. Heute wird das nicht mehr akzeptiert. Also spreche ich Deutsch. Das geht scheinbar wohl. Ich finde das skandalös lächerlich.“

Ich habe noch nie einen Belgier gesehen, der auf sein Land stolz ist. Aber ich bin an deren Stelle stolz, denn Belgien ist ein tolles Land mit talentierten Leuten.“

Jean-Claude Juncker

Eigentlich, so der scheidende EU-Kommissionsvorsitzende, sollte Belgien ein Modell dafür sein, wie man „auf eine gelungene Art und Weise zusammenleben“ könne, doch leider sei dies nicht der Fall: „Ich habe noch nie einen Belgier gesehen, der auf sein Land stolz ist. Aber ich bin an deren Stelle stolz, denn Belgien ist ein tolles Land mit talentierten Leuten.“

Die frankophone Abgeordnete in der Ersten Kammer des belgischen Bundesparlaments und ehemalige Staatsekretärin für Umwelt, Energie, Mobilität und für institutionelle Reformen Catherine Fonck von der frankophonen Zentrumspartei CDH zeigte sich in einer Reaktion auf Twitter mit der Einschätzung Junckers nicht unbedingt einverstanden: „Wenn man sich die Mühe gibt, an der belgischen Küste Niederländisch zu sprechen, dann merkt man, dass die übergroße Mehrheit der Flamen sehr gastfreundlich ist. Manchmal sprechen sie dann sogar spontan Französisch.“