Klimaforscher Jean-Pascal van Ypersele: „Flandern begreift langsam die Konsequenzen“

Der frühere stellvertretende IPCC-Chef Jean-Pascal van Ypersele (Foto), ein weltweit anerkannter Klimaforscher aus Belgien, der der Université Catholique de Louvain (UCLouvain, Wallonisch-Brabant) verbunden ist, zog jetzt eine Bilanz nach dem UN-Klimagipfel in New York. Van Ypersele stellte dabei fest, dass man sich in Flandern langsam der Bedrohung der eigenen Nordseeküste bewusst wird.

Beim Klimagipfel in New York machten sich die Delegierten aus aller Welt in erster Linie die Erwärmung der Pole und der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels zum Thema.

Der frühere IPCC-Vizevorsitzende Klimatologe Jean-Pascal van Ypersele (Foto oben) beobachtete die dort laufenden Diskussionen und zog auch für sein eigenes Land Belgien Bilanz: „Flandern begreift langsam das Ausmaß der Bedrohung für seine Küste. Wenn der Meeresspiegel bis zum Ende dieses Jahrhunderts um mehr als einen Meter steigt, braucht es einen enormen Arbeitsaufwand, um die flämische Nordseeküste zu schützen. Vielleicht müssen viele Regionen auf lange Sicht hin sogar aufgegeben werden.“

„Flandern begreift langsam das Ausmaß der Bedrohung für seine Küste. (…) Vielleicht müssen viele Regionen auf lange Sicht hin sogar aufgegeben werden.“

Klimaforscher Jean-Pascal van Ypersele

Wie es aussehen kann, wenn küstennahe Gebiete dem Meer oder der Natur überlassen werden müssten, zeige das Beispiel Niederlande: „Hier zeigt sich schon jetzt, dass es unmöglich ist, alles mit Deichen zu schützen. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird sich das beschleunigen. Die Berichte des UN-Klimapanels sprechen von mehreren Metern höheren Meeresspiegeln bis 2300 und 2400.“

Und doch glaubt Van Ypersele, dass es möglich ist, die Dinge zumindest teilweise zu beeinflussen: „Aber die Menge der Treibhausgase, die bereits in der Atmosphäre ist, ist schon so groß, dass sich die Konsequenzen breitgefächert zeigen, allen bisherigen Maßnahmen zum Trotz. Wir haben dermaßen langsam reagiert…“ Man könne auf einen Anstieg der Meere um zwei oder drei Meter bis 2300 noch reagieren, doch „einen oder zwei Meter noch höher und nichts ist mehr möglich.“ 

Über Charles Michel und Greta Thunberg

Vom zukünftigen EU-Ratsvorsitzenden, dem scheidenden belgischen Premierminister Charles Michel (MR), erhofft sich Jean-Pascal van Ypersele, dass er das Thema Klimaschutz auf europäischer Ebene im Auge behält. Bisher, auf belgischer Ebene, habe er sich nicht ausreichend damit beschäftigt und wenn, dann habe er nur Kompromisse ausgehandelt. Dies werde er wohl auch auf EU-Ebene machen, denn dort „muss er Rechnung mit Widersprüchen einiger Länder rechnen, die noch sehr von der Kohle abhängig sind, wie Polen und einige andere.“

Die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg unterstützt der belgische Klimaforscher „zu 200 %“. Sie sei hochintelligent, und gebildet und habe ein umfassendes Wissen zu diesem Thema, auch wenn sie noch sehr jung sei. Jean-Pascal van Ypersele kann nicht verstehen, dass man von der jugendlichen Klimaaktivistin behauptet, sie sei manipuliert, wie z.B. Verschwörungstheoretiker meinen: „Sie konsultiert manchmal einige Klimawissenschaftler, zu denen ich auch gehöre, wenn sie die eine oder andere Zahl bestätigt haben will oder wenn sie mehr zu einem Detail wissen muss, über das sie reden will.“