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Brüssel versucht neue Wege – mit einem Schafhirten, Gemüsezüchtern und Kräuterbauern

Wussten Sie, dass es in der Stadt Brüssel (wieder) Schafhirten, Gemüsezüchter, Blumenanbauer und Kräuterbauern gibt? Im Stadtteil Anderlecht, genauer gesagt in Neerpede und Vogelzang, haben sie sich mit ihren von der EU kofinanzierten Projekten niedergelassen. Die Projekte laufen unter dem Namen BoerenBruxselPaysans und wurden anlässlich der in Brüssel stattfindenden Europäischen Woche der Regionen und Städte Journalisten aus ganz Europa vorgestellt. Die biointensiven Mikrofarmen sollen eine Hebelwirkung für den Übergang zu nachhaltigen Lebensmittelketten in der Region Brüssel-Hauptstadt erzielen.

Bettina Secchia

„Hier befinden wir uns im Gewächshaus, in dem Zitroneneisenkraut wächst. Das ist eine Pflanze aus Peru, die sich sehr gut an unsere Umgebung angepasst hat, die aber nicht winterfest ist. Wir halten sie deshalb in einem Gewächshaus. Wir hatten zwei heiße Sommer und sie braucht auch viel Wasser. Dieses Jahr habe ich als Experiment jedoch einige dieser Gewächse draußen angepflanzt und das kann man wirklich machen. Sie ist der Wahnsinn“, schwärmt Bettina Secchia. Sie baut Kräuter, Heilpflanzen und Essblumen an und verkauft ein Sortiment von 5 Kräutertees aus 25 verschiedenen aromatischen und Heilkräutern. Bettina will altes Wissen wieder aufleben lassen, aufklären und ins Bewusstsein rufen. „Schauen Sie nur, Zitronenverbene! Nicht zu verwechseln mit Zitronengras. Die Pflanze ist als Teeaufguss unglaublich und man kann sie geschmacklich gut mit anderen Pflanzen mischen. Sie ist gut für Kinder, ältere Menschen und gegen Verspannungen. Sie beruhigt und ist eine Wohltat für die Verdauung. Zitronenverbene ist ein Wunder und trocknet so leicht - etwas, was in diesem Metier wichtig ist.“

© European Union / Vincent Van Doonik

Früher hat Bettina im sozialen Bereich für Organisationen in Schulen und Integrationszentren gearbeitet. „Ich hatte eine Tyrannin als Direktorin und habe deshalb gekündigt. Heute bin ich ihr dankbar dafür, denn ich habe mich völlig umorientiert.“ „Jetzt arbeite ich auf diesem Testgelände. Wenn es das Projekt jedoch nicht gegeben hätte, hätte ich mich nie an diese Aktivität herangetraut, die ja ein nur wenig rentables Handwerk ist. Vom Samen bis zur Verpackung in einen Teebeutel mache ich nämlich alles per Hand. Ich regele auch die Bestellungen, obwohl ich viele ehrenamtliche Helfer habe.“

Auf einem Grundstück in Vogelzang, neben Sportplätzen der Brüsseler Gemeinde Anderlecht, können Bettina und gut eine Handvoll weiterer Mikrobauern die Leistungsfähigkeit ihrer Startprojekte in einer sicheren Umgebung bis zu 3 Jahre lang testen. Sie haben Zugang zu einem Grundstück, zur Infrastruktur und zu Werkzeugen. Die Projektträger erhalten auch technische Fortbildung und Beratung zu finanziellen und kommerziellen Aspekten. Wer sich noch nicht sicher ist, ob ihm der Beruf des Bauers/der Bäurin überhaupt liegt, kann das hier zunächst einmal ausprobieren, die eigenen Fähigkeiten testen.

VRT/UNe

„Ich hätte mich nie getraut, selbst ein Stück Land zu kaufen oder zu mieten. Der Hauptvorteil hierbei ist, dass  man nicht alleine ist – hier gibt es auch Gemüsebauern, andere Kräuterbauern – und dass man ein Stück Land zur Verfügung gestellt bekommt, um die Durchführbarkeit des Projekts testen zu können.“

© European Union / Vincent Van Doonik

Caroline ist Textildesignerin, jetzt baut sie essbare und dekorative Blumen an

Caroline Leconte VRT/UNe

Die Stadt hat das passende Testgelände für die verschiedenen Mikroprojekte gefunden und zur Verfügung gestelltdas Gelände in Vogelzang ist eigentlich Bauland. Seit 2016 werden dort aber u.a. Gemüse, dekorative und essbare Blumen sowie Heilkräuter angebaut. Schaut man über die Felder hinweg, sieht man Wolkenkratzer über den Baumwipfeln emporragen, Wohnblöcke, in denen potenzielle Abnehmer wohnen.

VRT/UNe

„Die Kunden wohnen in der Stadt. Toll, dass sie so nahe sind. Damit reduziert sich der Vertriebsweg“, betont Caroline Leconte. Auch die Dünkirchenerin ist in Vogelzang mit einem Projekt vertreten. In einem Gewächshaus von 250 Quadratmetern und auf einem 1.500 Quadratmeter großen Gelände baut sie essbare und dekorative Blumen an und verkauft sie u.a. an Restaurants in der Stadt. Es ist ihre erste Saison und die sei gut verlaufen. Jetzt gelte es, Lösungen für den Winter zu finden. Wahrscheinlich wird sie die Blumen trocknen, erzählt sie.

Auch Caroline hat vorher beruflich etwas anderes gemacht, eine Ausbildung als Textildesignerin. Danach entdeckte sie die Welt der Floristen und gab kreative Workshops in einem psychiatrischen Umfeld, bevor sie ihr eigenes Projekt ins Leben rief. „Als ich von der Blumenfarm hörte, war ich begeistert. Ich habe alle Schritte in die Wege geleitet und dank dieses Testgeländes kann ich experimentieren."

© European Union / Vincent Van Doonik

Getestet wird bei den Projekten in Anderlecht die Entwicklung neuer landwirtschaftlicher Modelle, die die Umwelt und die Arbeitnehmer gleichermaßen respektieren, und zwar in direktem Kontakt mit den Menschen in Brüssel.

„Der Blumenmarkt ist nicht gerade rosig. Mit meinem Projekt kann ich die Einwohner hierfür sensibilisieren. Die Leute müssen verstehen lernen, dass es „slow food“, aber eben auch „slow flower“ gibt. Man sollte wissen, dass Blumen manchmal mit der doppelten Menge an Pestiziden als Gemüse besprüht werden, weil man sie nicht isst. Doch die Produzenten und Floristen kommen mit den Blumen in Kontakt. Das ist eine Katastrophe. Und überheizte Gewächshäuser wie in Holland sind auch keine Lösung. Die Leute sollten kapieren, dass Blumen saisongebunden sind und sie sollten aufhören, am Valentinstag Rosen kaufen zu wollen.“

Insgesamt ist das Ziel der Mikroprojekte von BoerenBruxselPaysans die Schaffung neuer landwirtschaftlicher Betriebe überall in Brüssel mit einem sehr hohen Sozialanspruch, mit sozialer Eingliederung und sozialem Zusammenhalt: „Schön ist auch der Kontakt zu den Leuten. Dieses Feld blühte die ganze Saison über. Die Nachbarn haben die Blumenpracht bewundert. Der Stadt tun großartige Naturprojekte gut, und hier ist man in der Stadt. Sobald man in diese Straße biegt, ist es aber gleichzeitig auch so als sei man auf dem Land“, führt Caroline Leconte noch begeistert aus.

VRT/UNe

Eine neue Form der Landwirtschaft

© European Union / Vincent Van Doonik

Landwirtschaft war in Brüssel verschiedene Jahrhunderte lang ein Erwerbszweig. Im 18. Jahrhundert wurde in und um Brüssel viel produziert. Diese Produktion hat sich im 19. Jahrhundert aufgrund der Industrialisierung und neuer wirtschaftlicher Aktivitäten, die viel Platz benötigten, aus der Stadt verlagert. „Heute kehrt die Landwirtschaft langsam zurück“, erklärt Marteen Roels von Terre-en-vue, eine Bürgerbewegung, die den Zugang zu Land für eine nachhaltige Landwirtschaft erleichtern will. Nach dem 2. Weltkrieg habe  sich die Landwirtschaft zu einer Form gewandelt, die sehr intensiv sei und derjenigen sehr ähnlich, die wir auf dem Land, außerhalb von Brüssel, vorfänden. Sie sei also nicht dem städtischen Kontext angepasst. Heute  entwickelten sich neue Formen der Landwirtschaft wie Permakultur oder  Bio-Landbau, so Roels. „Kleinbäuerliche und bürgernahe Landwirtschaften tauchen wieder auf. Und die städtische Umgebung scheint einen perfekten Rahmen für diese neuen Formen der Landwirtschaft zu bieten.“

In den letzten Jahrzehnten habe die Landwirtschaft keinen wesentlichen Stellenwert in Stadtangeboten gehabt, doch das ändere sich gerade. „Mit dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) haben sich verschiedene Ämter wie die Umwelt- und Wirtschaftsagentur der Stadt Brüssel, aber auch Verbände und mikrofinanzierte Unternehmen zusammengesetzt und über neue Formen der Landwirtschaft nachgedacht und nach einem Feld gesucht, auf dem mit diesen Formen der Landwirtschaft experimentiert werden kann.“

Die Kosten des gesamten Projekts BoerenBruxselPaysans belaufen sich auf über 6,8 Mio. Euro, davon werden gut 2,9 Mio. Euro über den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) kofinanziert. Ein Teil fließt ins Projekt des Testgeländes in Vogelzang. Weitere Projekte im Rahmen von BoerenBruxselPaysans finden sich zum Beispiel im Viertel Neerpede, ebenfalls im Stadtteil Anderlecht.

Marteen Roels © European Union / Vincent Van Doonik

Der Schäfer, der die Tiere in die Stadt zurückbringen will

David d'hondt Brusselse schapen

Besondere Aufmerksamkeit zieht wohl der Schäfer David d’hondt auf sich. David hat irische Wurzeln und ist im Hauptberuf eigentlich Englischlehrer. „Die Viehzucht in der Stadt ist seit etwa 50 Jahren verschwunden. Wir haben dort nur noch Haustiere oder Tiere für Lehrzwecke. Doch in Brüssel haben wir eine ganze Schafherde. Die Einwohner müssen sich wieder an einen anderen Kontakt zum Tier gewöhnen, akzeptieren, dass sich das Tier von selbst ernährt und einen Nahrungszweck erfüllt und seine Wolle uns erlaubt, uns zu kleiden.“

Im Juni 2018 brachte David 10 Schafe auf eine grüne Weide hinter dem Erasmus-Krankenhaus in Brüssel. Ab und zu nimmt er sie mit auf einen Spaziergang durch die Stadt. Gelernt hat er das Hirten-Handwerk in Wallonien und in einem Projekt für 'Hirten in der Stadt' in Paris. Er habe das Projekt an Brüssel angepasst, so David. Heute hat David 20 Schafe. In 3 bis 5 Jahren hofft er, seine Herde auf fünfzig Schafe erweitert zu haben, um davon leben zu können. Das kann er derzeit noch nicht. Er sammelt die Wolle und verkauft Fleisch. Ein Teil der Wolle wird in Workshops verwendet, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

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„Der Job zeigt den Leuten auch, was es heißt ein Kilo Fleisch zu produzieren und dass er an sieben Tagen in der Woche ausgeführt werden muss (…). Diese kleine Produktion kann eine Botschaft sein, nämlich, dass wir über den Preis nachdenken, wenn wir das Fleisch essen, die Wolle kaufen.“

„Heute essen die Leute doch Gemüse, Fleisch und kaufen Wolle, müssen aber keinen adäquaten Preis für die Kosten der Herstellung bezahlen.“ Die Mikrobauernhöfe und die Schafzucht in der Stadt könnten ein Link zu den Menschen in der Stadt bilden und sie dazu bewegen, darüber nachzudenken, wie wir leben. Die Landwirtschaft in der Stadt kann also sowohl zur Versorgung der Städter mit Nahrung beitragen als auch zur Wahrnehmung der Städter darüber, was Landwirtschaft bedeutet.“

„Natürlich bestehe auch in der Landwirtschaft eine Verbindung zum Tier, Liebe und Nähe, aber auf der anderen Seite haben diese Tiere ihr eigenes Leben. Sie können aggressiv in ihrer Herde werden oder uns gegenüber. Sie sind da, um zu fressen und unser Ziel ist es, uns von ihnen zu ernähren.“

„Meistens fressen die Schafe übrigens das Gras in der Stadt. Das ist ja öffentlich und es ist ökologisch, denn kein Lkw muss in die Stadt kommen und Getreide liefern“, erklärt David noch.

Überdies glaubt er an den sozialen und therapeutischen Wert der Arbeit mit seinen Tieren, für sozial benachteiligte Kinder oder Patienten aus der Psychiatrie des benachbarten Krankenhauses. Und manchmal schließen sich selbst ganze Menschengruppen den Schafen auf ihren Wanderungen durch die Stadt an.

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