Obdachlosigkeit hat sich in Brüssel mehr als verdoppelt

In zehn Jahren hat sich die Zahl der Obdachlosen in der Region Brüssel-Hauptstadt mehr als verdoppelt. Eine Forschergruppe von Bruss'Help registrierte bei einer Stichprobe im vergangenen Jahr fast 4.200 Obdachlose. Im Jahr 2008 waren es rund 1.700. Die Zahlen  wurden an diesem Montag von Brussels Studies veröffentlicht.

Aus der Studie geht auch hervor, dass die Zahl der Frauen, die auf der Straße leben müssen, stark gestiegen ist. Bruss'Help ist eine Organisation, die Obdachlosen hilft, die richtigen Institutionen zu finden. Die Notunterkünfte sind überfüllt und Bruss'Help fordert die politischen Entscheidungsträger auf, das Problem strukturiert anzugehen und nicht nur in die Kapazität von Unterkünften zu investieren.

Obdachlosigkeit in Flandern

Die flämischen Sozialisten von der SP.A befürchten, dass die Obdachlosigkeit auch in Flandern zunehmen werde. Das sagte der flämische Abgeordnete Maxim Veys in einer Reaktion auf die am Montag von Brussels Studies veröffentlichte Studie.

"Sie können Gift darauf nehmen, dass die Zahl der Obdachlosen auch in Flandern zunehmen wird", so Veys. Ihm zufolge enthalte der flämische Koalitionsvertrag einen großen Mangel am unteren Ende des Mietmarktes. „So haben wir heute mit den Büros zur Vermietung von Sozialwohnungen (SVK) ein Netz, in dem den am stärksten gefährdeten Personen Vorrang eingeräumt wird. Dieses System gewährleistet ein Auffangnetz für diejenigen, die aus dem privaten Mietmarkt herausfallen. Die Regierung hat beschlossen, dieses Sicherheitsnetz durch die Abschaffung des SVK-Punktesystems zu beseitigen. Die Priorität für Menschen, die dringend eine Unterkunft benötigen, wie z.B. Obdachlose, verschwindet damit", erklärte der SP.A-Politiker.

Veys hält dies für eine "sehr kurzsichtige Entscheidung" in einer Zeit, in der sich der Mietmarkt in einer tiefen Krise befindet, in der jedes Jahr 12.000 Mieter von Zwangsräumungen bedroht seien und die Wartelisten für Sozialwohnungen Rekordhöhen erreichten. Dadurch hätten Mieter, die aus ihrer Wohnung vertrieben würden, keinen Anspruch mehr auf eine Sozialwohnung.

Darüber hinaus hat die flämische Regierung beschlossen, dass potenzielle Mieter seit mindestens 5 Jahren in einer bestimmten Gemeinde leben müssen, um Zugang zu Sozialwohnungen zu erhalten. Laut Maxim Veys bildete dieses "lokale Band" ein zusätzliches Hindernis für die Obdachlosen, die nirgendwo ansässig seien. Er lehnt die von der flämischen Regierung als Lösung vorgeschlagene "Notunterkunft" ab, weil sie per Definition vorübergehend sei und die grundliegenden Probleme dieser Mieter nicht löse.

"Wenn wir die Löcher im Netz nicht bald stopfen, werden sich unsere Schutzstrukturen verstopfen. Der fehlende Zugang zu Sozialwohnungen führt dazu, dass viele Obdachlose auf der Straße landen werden. Als SP.A fordern wir einen separaten Kreislauf innerhalb des Sozialwesens für die Schwächsten. Sie müssen in der Lage sein über Wohnhilfe aus einer stabilen Wohnsituation heraus ihr Leben erneut aufzubauen“, so Veys abschließend.

Zeit für Kurswechsel in der Politik

Sozialarbeitern ist es zwar gelungen, in den vergangenen zehn Jahren mehr als 120 Obdachlosen zu einer Unterkunft zu verhelfen und ihnen Perspektiven für eine bessere Zukunft zu bieten. Doch gleichzeitig nimmt die Zahl der Obdachlosen zu. Für die Sozialarbeiter sei es an der Zeit, dass Obdachlosigkeit nicht mehr als ein normales Phänomen angesehen werde und dass die Politik eine Kehrtwende mache. Es bedürfe echter nachhaltiger Lösungen, heißt es von Seiten der Sozialarbeiter.

"In erster Linie besteht Bedarf an einer besseren Prävention. Dies kann erreicht werden, indem die Lücken im sozialen und medizinischen Sicherheitsnetz geschlossen werden, so dass die Menschen nicht mehr wegen Rückschlägen wirtschaftlicher oder familiärer Art oder wegen körperlicher oder gesundheitlicher Probleme auf der Straße landen müssen. Dann sind Maßnahmen erforderlich, um das Wohnen für die Schwächsten erschwinglich zu machen. Und schließlich ist es notwendig, die individuelle Unterstützung derer, die heute auf der Straße leben, sowie derjenigen, für die bereits eine Unterkunft gefunden werden konnte, in allen Bereichen zu verstärken", verlangt der Verein ohne Erwerbszweck „Straatverpleegkundigen“ noch.