Andreas Kockartz/VRT

Punk Graphics im ADAM-Designmuseum: Als "copy & paste" noch ausschneiden und kleben war

Als sich der Punk Ende der 1970er Jahre aufmachte, der Welt ins Schienbein zu grätschen, entstand auch eine Form der Grafik und der Werbung, die ihresgleichen suchte. Die Cover der Plattenhüllen zeigten aus Zeitungen ausgeschnittene Wörter und Buchstaben oder ausgerissene Fotos. Mit Plakaten für Konzerte und Festivals verhielt es sich kaum anders. Das Brüsseler Designmuseum ADAM widmet diesem Teil der Grafikgeschichte eine wunderbare Ausstellung, die gleichzeitig eine Zeitreise in die Musik der 1970er und 1980er Jahre darstellt.

Sobald man die Ausstellung „Punk Graphics - Too Fast To Live, Too Young To Die“ im ADAM unweit der Brüsseler Messehallen und des Atomiums betreten hat, weiß man schon was los ist. Plakate der Sex Pistols zieren die ersten Wände des Hauses und man läuft gradewegs auf eine Videowand zu, auf der Ausschnitte aus Punkkonzerten zu sehen sind. Viele der hier ausgestellten Plakate zeigen Vertreter dieser Zeit, deren Plattencover schon damals schnell zu Ikonen der Punkbewegung wurden: Killing Joke, die bereits erwähnten Sex Pistols, The Clash oder Joy Division um nur einige zu nennen.

Und stets ist zu erkennen, dass die meisten Plattencover oder Konzertplakate aus ausgeschnittenen Wörtern oder Buchstaben bestanden, die passend zu ebenfalls so genutzten Fotos und Bildern arrangiert wurden. Mit diesen Hilfsmitteln wurde allerdings nichts nachgemacht, sondern es entstand eine eigene Art der grafischen Kunst. Die Punk-Grafiker und -Designer arbeiteten auch so, wenn sie ihre szeneneigenen Magazine und Fachblätter zusammenschusterten.

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Mit Schreibmaschine geschriebene Texte wurden unter ausgeschnittene Titel gesetzt, es wurde ausgeschnitten und geklebt und anschließen wurden die so angefertigten Seiten fotokopiert und gebunden, um danach bei Konzerten, in Clubs oder in Plattenläden an die Frau oder den Mann gebracht zu werden. Nicht selten wurden solche Punk-Magazine auch per Post in die ganze Welt verschickt… Noch heute kann es passieren, dass die eine oder andere Band oder der eine oder andere Musiker ein Design nutzt, dass der damaligen Zeit entspricht, denn dass diese Art der Grafik zeitlos ist, unterstreicht die Ausstellung Punk Graphics in Brüssel allemal.

Nur gut, dass es Zeitgenossen gibt, die das Zeugs von damals gesammelt und aufbewahrt haben. Punk Graphics im ADAM basiert auf der Sammlung des amerikanischen Geschäftsmannes Andrew Krivine, der seit dem Durchbruch der Sex Pistols im Jahr 1976 Fan war und alles sammelte, was mit der Punkszene und der danach (und daraus) entstandenen New Wave-Periode zu tun hatte. Krivine besitzt alleine 3.000 Plakate aller Art, von denen in Brüssel gerade etwa 500 zu sehen sind. Das Ganze wird durch Fanzines, Plattencover und ähnliches ergänzt.

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Irgendwie ist in dieser Punk-Grafik alles enthalten, was die aufmüpfige Szene damals (und bis heute) ausmacht(e): Comics, Randale, Revolution, Anti-Establishment, Rebellion, Nihilismus, Politik… Und dass diese Zeit musikalische und grafische Ikonen geschaffen hat, belegt nicht zuletzt die Tatsache, dass Motive von Plattencovern bis heute modisch trendige T-Shirts zieren. Man denke nur an die legendären Ramones-Shirts mit dem für die Band typischen Schriftzug oder an das Joy Division-Cover der Platte „Unknown Pleasure“. Einige der wichtigsten Motive schuf damals der heute noch anerkannte Grafiker Peter Saville, der durch seine Arbeiten für Joy Division und New Order weltbekannt wurde.

Die Ausstellung Punk Graphics war zuerst in Michigan und in New York zu sehen. Die Brüsseler ADAM-Ausstellung ist allerdings durch eine belgische Erweiterung ergänzt worden. Auch in Belgien fanden zahllose Punk-Konzerte statt, z.B. in der Brüsseler AB (früher Ançienne Belgique), im Plan K ebenfalls in Brüssel oder in zahleichen auch teilweise heute noch bestehenden Sälen. Ein Teil dieser belgischen Sammlung wurde von der Tochter von Annik Honoré zur Verfügung gestellt. Ihre Mutter veranstaltete seinerzeit viele Punk-Konzerte im Plan K und war zeitweise mit dem Joy Division-Sänger Ian Curtis liiert.

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Also, auch die belgische Punkszene ist in der Ausstellung vertreten, z.B. über Plakate für Konzerte von The Kids, De Brassers, De Kommeniste oder von Plastic Bertrand, dessen Song „Ça plane pour moi“ ein Welthit wurde, der von zahlreichen Bands und Musikern in der ganzen Welt gecovert wurde, z.B. von der deutschen Band Rausch. Punk Graphics ist für Leute, die damals jung waren und dieser Szene und ihrer Musik nicht abgeneigt waren (wie auch der Autor dieser Zeilen) eine wunderbare Zeitreise. Für heutige Grafiker mag sie auch eine Lehrstunde darstellen. Eines allerdings unterstreicht Punk Graphics im Brüsseler ADAM (und jetzt 5€ für das Phrasenschwein!): Punk’s not dead!

Punk Graphics, noch bis zum 26. April 2020, Designmuseum ADAM, Belgiëplein 1, 1020 Brüssel. Info: adammuseum.be  

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