"Kulturkampf" in Flandern? Auch in Deutschland wird die flämische Kulturpolitik beobachtet

Die von der neuen flämischen Landesregierung geplanten drastischen Kürzungen im Kulturbudget sorgen hierzulande für Besorgnis, Empörung und politischen Streit. Doch auch im benachbarten Ausland wird das Geschehen in Flandern beobachtet und kommentiert, wie z.B. in gleich mehreren Zeitungen in Deutschland zu lesen ist.

Flanderns Landeschef und Kulturminister Jan Jambon (N-VA - Foto) plant drastische Kürzungen im Kulturhaushalt. Am schwersten trifft es die sogenannten Projektbudgets, sprich Zuschüsse, die für die Umsetzung von konkreten künstlerischen und kulturellen Projekte bereitgestellt werden. Hier wird der Haushalt um glatte 60 % gekürzt. Streichungen im Kulturhaushalt sind in Flandern nicht unbedingt etwas Neues und auch jetzt, da die flämischen Nationaldemokraten N-VA mehr denn je am Ruder sind, ging der Sektor von einem neuen Ansatz des Rotstifts wieder aus. Doch dass es so krass kommen würde, überraschte dann doch Freund und Feind.

Während die großen Kulturinstitutionen, wie einige Landestheater, die Flämische Oper oder andere mit einer Kürzung von 3 % im Jahreszuschuss auskommen müssen, trifft es fast alle anderen in diesem Bereich mit einer Streichung von 6 % der allgemeinen Funktionszuschüsse. Damit könne man ja noch leben, so der Tenor, doch die Tatsache, dass die Projektzuschüsse ab 2020 um glatte 60 % gekürzt werden, sorgt in Flandern für mehr als nur Unmut.

Kritik auch im Ausland, z.B. in Deutschland

Auch im Ausland wird diese Entwicklung mit Sorge und Kritik beobachtet, wie die Blätter des Aachener Zeitungsverlages schreiben. Während Deutschland ein enges Netz von Stadttheatern vorweisen könne, verfüge Flandern lediglich über drei solcher Einrichtungen. Die Stärke der flämischen Kunstproduktionen liege aber in der freien Kunstproduktion, heißt es da.

Die flämischen Nationaldemokraten führen diese Kürzungen nicht nur auf Defizite im Landeshaushalt zurück, sondern begründen diesen Schritt auch damit, dass eine selektivere Auswahl eine bessere Unterstützung der bleibenden Projekte garantieren soll, so Landeskulturminister Jambon. Doch in der Kulturszene in Flandern und auch bei der politischen Opposition hat man den Eindruck, dass hier ein Kulturkampf ausgefochten wird. Dass es zwischen den rechtsgerichteten flämischen Nationaldemokraten der N-VA und der (freien) Kulturszene in Flandern Reibungen gibt, mag da wohl kaum überraschen. Die N-VA wirft dieser Kulturszene nicht erst seit gestern eine latente „Linkslastigkeit“ vor…

Belgische Kulturakteure in Deutschland

Der flämische Dramaturg Michael Nijs, der auch am Badischen Staatstheater in Karlsruhe tätig ist, schrieb dazu in einem Beitrag für das deutsche Theaterportal „nachtkritik.de“, dass diese Kürzungen bezeichnet seien. In Zukunft werde unter Mitwirkung des Kulturministers in die Aufstellung eines flämischen Kanons investiert. Aus diesem Grunde wolle die Regierung auch Privatsammler fördern, die Kunstwerke flämischer Meister besitzen, so Nijs.

Inzwischen richtet sich ein öffentliches Protestschreiben ausländischer und belgischer bzw. flämischer Kulturschaffender an Kulturminister Jambon, die diesen Vorgang kritisieren. Darunter sind auch die deutschen Kulturakteure René Pollesch (Berliner Volksbühne), Matthias Lilienthal (Münchener Kammerspiele) oder auch Stefanie Carp von der Ruhrtrienale. Das Schreiben unterzeichnete auch der Flame Christophe Slagmuylder von den Wiener Festwochen).

Ausländische Kulturschaffende in Belgien

Nicht zuletzt melden sich in der deutschen Presse auch deutsche und schweizerische Kulturschaffende zu Wort, die in Belgien aktiv sind. In der taz erinnern der Schweizer Milo Rau (Intendant des NT Gent, das flämische NationalTheaters in Gent), Stefan Bläske (Raus Chefdramaturg am NT Gent) und Elisa Liepsch (Programmgestalterin an der Beursschouwburg in Brüssel) daran, dass die Kultur auch in Flandern für eine offene Gesellschaft stehe.

Unter dem Titel „Kulturkampf der Rechten gegen die Avantgarden“ schreiben die drei, dass es in der Kultur auch um den Erhalt der demokratischen Kultur jenseits von Opernhäusern und Kriegsdenkmälern gehe: „Wenn wir diesen Kampf nicht gewinnen, sind alle Kämpfe um Gleichberechtigung oder Diversität sinnlos.“ Milo Rau wiederholte seine Vorwürfe auch gegenüber Radio Bremen. 

Meist gelesen auf VRT Nachrichten