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75 Jahre Ardennenoffensive: Ergreifende Rede von Bundespräsident Steinmeier

Im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Beginns der Ardennenoffensive in Bastogne richtete Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Foto) am Montag ergreifende Worte an die Belgier. Steinmeier ist der erste deutsche Bundespräsident, der zu einer solchen Gedenkfeier eingeladen wurde, wofür er sich ausdrücklich bedankte. Steinmeier richtete sich nicht nur an die Belgier, sondern auch an Luxemburg und an die anderen Länder, die im Rahmen der damaligen Kampfhandlungen bei den Alliierten gegen die Deutschen hier gekämpft hatten. Steinmeier hielt seine Rede in Englisch, richtete aber auch einige Worte an die belgische Bevölkerung in Niederländisch und in Französisch. Sehen sie hier die vollständige Ansprache des deutschen Bundespräsidenten am Mahnmal für die Ardennenoffensive in Bastogne.

Belgien war durch König Philippe, Königin Mathilde und Premierministerin Sophie Wilmès (MR) in Bastogne vertreten. Ein weiterer Ehrengast war der Präsident Polens, Andrzej Duda. Zudem nahmen fünf US-Veteranen der Ardennenoffensive an den Feierlichkeiten teil.

Die US-Delegation in Bastogne wurde von der Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, angeführt und US-Verteidigungsminister Mark Esper war ebenfalls bei der Zeremonie vertreten.

Bei den Kämpfen zwischen Dezember 1944 und Januar 1945 an der Westfront in den Ardennen starben zahllose alliierte Soldaten, darunter allein rund 75.000 US-GI’s. Die Ardennenoffensive war der letzte große Angriff des Deutschen Reiches am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Im Süden und im Osten Belgiens hatte diese letzte Schlacht enorm gewütet und sie prägt die jüngere Geschichte dieser Region bis heute. 

Die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

"Heute vor 75 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 16. Dezember, brach das Grauen des Krieges über die Ardennen herein. Heute vor 75 Jahren begann die deutsche Wehrmacht hier eine der letzten Offensiven des Zweiten Weltkriegs, eine blutige Schlacht in einem Krieg, der längst verloren war.

Sire, ich danke Ihnen aus tiefem Herzen für die Einladung, heute gemeinsam mit Ihnen zu gedenken. Ich stehe vor Ihnen, ich stehe vor allen Belgierinnen und Belgiern als deutscher Bundespräsident in Demut und in Dankbarkeit. Ich weiß, es ist nicht selbstverständlich, dass ich hier spreche. Hier in Bastogne. Hier in Belgien, das Deutsche zweimal im vergangenen Jahrhundert überfielen.

Ein militärisches Wahnsinnsunternehmen – so hat der deutsch-britische Publizist Sebastian Haffner die Ardennenoffensive bezeichnet. Sie brachte unendliches Leid, Zerstörung und Tod. Wir Deutschen wissen um das Leid. Wir wissen um den Schmerz. Wir wissen: Viele von Ihnen tragen bis heute daran. Ihre Väter und Großväter starben im Kampf oder sind verschollen. Ihre Mütter und Großmütter durchlitten Hunger und Zerstörung. Wehrlose Zivilisten wurden getötet Das Leid ist nicht einfach Vergangenheit. Es wirkt in Ihren Familien fort. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns erinnern – dass wir gemeinsam erinnern und gedenken.

Mit Trauer verneige ich mich vor den Toten aller Nationen. Diese Toten waren Opfer von Hass, Verblendung und Zerstörungswut, die von meinem Lande ausgegangen waren.

Aber ich empfinde an diesem Tag auch tiefe Dankbarkeit. Ihr Land, Sire, hat uns die Hand gereicht – über die Gräber zweier Weltkriege hinweg. Belgien hat uns seine Bereitschaft zur Versöhnung geschenkt. Sie haben uns den Weg geöffnet in ein friedliches Europa. Dafür sind wir Deutschen zutiefst dankbar.

Eure Hoheit Großherzog Henri, auch Ihrem Land, Luxemburg, das so schwer unter diesen Kämpfen und den Jahren der Besatzung gelitten hat, sind wir dankbar. Auch Sie haben uns die Hand gereicht zur Versöhnung."

Mit Trauer verneige ich mich vor den Toten aller Nationen. Diese Toten waren Opfer von Hass, Verblendung und Zerstörungswut, die von meinem Lande ausgegangen waren.

Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

"Deshalb, nur deshalb konnten wir gemeinsam den Grundstein für ein geeintes, friedliches Europa legen. Deshalb, nur deshalb sind aus den Feinden von damals gute Nachbarn geworden. Mehr noch: sogar Freunde. Freunde, die heute eng verbunden sind, politisch, kulturell, wirtschaftlich und auch militärisch.

Hier in Belgien schlägt das Herz Europas. Hier in Belgien lebt der europäische Geist, hier lebt die europäische Idee und hier wird sie gelebt. Hier in België leeft de Europese geest, hier leeft de Europese idee en hier wordt deze geleefd! Ici, en Belgique, l’esprit européen vit! Ici, l’idée européenne vit et est vécue! Das ist ein Versprechen für unsere Zukunft.

Wir Deutsche danken an diesem Tag auch den Vereinigten Staaten von Amerika. Die amerikanischen Streitkräfte haben gemeinsam mit ihren alliierten Verbündeten Europa befreit. Sie haben auch Deutschland befreit. Dafür danken wir Ihnen, den Veteranen, die ihr Leben eingesetzt haben für die Befreiung. Diesem Amerika, das trotz Krieg und Shoah den demokratischen Neubeginn Deutschlands begleitet und unterstützt hat, sind und bleiben wir tief verbunden.

Ein geeintes, friedliches Europa – das ist die Lehre, die wir Europäer aus übersteigertem Nationalismus und Rassismus, aus dem Vernichtungskrieg gezogen haben. Bitte lasst uns das nicht vergessen! Gerade in dieser Zeit, in der Nationalismus und völkisches Denken wieder an Verführungskraft gewinnen.

Wir heute, wir gemeinsam tragen die Verantwortung für das vereinte Europa. Für Deutschland, das diesen letzten großen Krieg auf europäischem Boden entfesselte, ist es eine besondere, eine bleibende Verantwortung. Ihnen allen, Belgiern, Luxemburgern, Polen, Amerikanern, Kanadiern, Briten, Franzosen und Niederländern, will ich als deutscher Bundespräsident sagen: Wir Deutsche wissen um unsere Verantwortung. Wir stehen zu dieser Verantwortung, und wir tragen sie weiter.

Dass wir heute gemeinsam gedenken, gibt mir Hoffnung. Der Weg der Versöhnung gibt uns Hoffnung.

Hoffnung, dass unser Kontinent auch in Zukunft in Frieden und Freiheit geeint sein wird.

Hoffnung, dass wir gemeinsam kämpfen gegen neue Ressentiments, Rassenhass und Nationalismus, für Demokratie und Freiheit.

Hoffnung, dass wir unseren gemeinsamen Weg weitergehen. Als gute Nachbarn. Als Freunde. Als Europäer.

Herzlichen Dank."