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Schwere Zeiten für Rekordmeister RSC Anderlecht: Verluste und ein hoher Schuldenberg

Nicht nur sportlich läuft beim belgischen Fußball-Rekordmeister RSC Anderlecht aus Brüssel gerade nicht alles nach Wunsch. Der Verein erlitt in der vergangenen Saison etwa 27 Mio. € Verluste. Zudem hat sich ein Schuldenberg von rund 100 Mio. € angehäuft. Innerhalb von drei Spielzeiten rutschte Anderlecht von einem bescheidenen Gewinn in Richtung drastisch steigender Verluste. 

Der RSC Anderlecht hat die Saison 2018-2019 mit einem Verlust von 27 Mio. € abgeschlossen. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den Verlusten der Spielzeit davor, denn in der Saison 2017-2018 konnte der Verlust noch auf ein Minus von 6,5 Mio. € beschränkt werden. Davor, in der Saison 2016-2017, generierte der international doch renommierte belgische Fußball-Erstligist noch einen bescheidenden Gewinn von 350.000 €.

Spitzenvereine arbeiten mit zwei Einkommensquellen. Das sind zum einen Einnahmen aus kommerziellen Aktivitäten, wie Eintrittskarten und Abos, Catering bei Spielen, Merchandising durch z.B. Trikotverkäufe und Sponsoring. Zum anderen generieren Clubs, wie der RSC Anderlecht, auch Einnahmen durch Spielertransfers, durch TV-Rechte und aus dem Weiterkommen im europäischen Fußball.

Hier hängen sportlicher Erfolg und finanzielle Einnahmen direkt zusammen. In der vergangenen Saison sanken die Einnahmen bei Anderlecht von 60 Mio. im Jahr davor auf dann 52 Mio. €. Und vor allem wegen des schnellen Ausscheidens aus der Champions League sanken auf der anderen Ebene die Einnahmen um fast 10 Mio. €.

Anderlecht steht mit fast 100 Mio. € Schulden da. An sich muss das keine Katastrophe sein, doch das Problem beim RSC ist, dass der Club nicht ausreichend Cash generiert, um diesem Schuldenberg Herr werden zu können.“

Dries Bervoet, Wirtschaftsjournalist bei De Tijd

Viele Vereine leiden darunter, dass sie diese negative Entwicklung nicht oder nur schwerlich unter Kontrolle bekommen. Dries Bervoet, Analyst bei der flämischen Wirtschaftszeitung De Tijd, hat den RSC Anderlecht auf finanzieller Ebene unter die Lupe genommen:

„Anderlecht steht mit fast 100 Mio. € Schulden da. An sich muss das keine Katastrophe sein, doch das Problem beim RSC ist, dass der Club nicht ausreichend Cash generiert, um diesem Schuldenberg Herr werden zu können. Problematisch ist vor allem, dass Anderlecht vor allem hohe kurzfristige Schulden hat. Die Frage ist, wie man gerade all diese Schulden begleichen will.“

Alles ruht auf einer Schulter?

Bisher kann sich der RSC Anderlecht allerdings noch über Wasser halten und zwar durch seinen aktuellen Vorsitzenden Marc Coucke, der Milliarden in der Pharma- und der Tourismusindustrie verdient. Coucke hat seinen Verein Anfang dieses Jahres ein erstes Mal mit einer Kapitalspritze über 27 Mio. € gerettet, doch laut De Tijd-Analyst Bervoet ist eine weitere Finanzspritze derzeit nicht mehr möglich:

„Eine neue Kapitalerhöhung, wie in der Wirtschaft normal ist, ist für Anderlecht auf die Schnelle nicht mehr möglich. Der europäische Fußballverband UEFA legt den Clubs strenge Regeln in Sachen ‚financial fairplay‘ auf. Diese bedeuten, dass ein Verein innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren nicht mehr als 30 Mio. € ausgeben darf, die über den Einnahmen aus dem eigentlichen Tagesgeschäft liegen.“ 

Eine neue Kapitalerhöhung ist für Anderlecht auf die Schnelle nicht mehr möglich. Der europäische Fußballverband UEFA legt den Clubs strenge Regeln in Sachen ‚financial fairplay‘ auf.“

Dries Bervoet, Wirtschaftsjournalist bei De Tijd

Clubs, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der UEFA sanktioniert, was durchaus auch den Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben bedeuten kann. Die Pro League, der Dachverband der belgischen Proficlubs aus der 1. und der 2. Liga beobachtet das UEFA-Regelwerk sehr genau. Vereine, die Schulden aufhäufen, riskieren den Verlust ihrer Lizenz und damit ist ein Antreten in der Ersten Liga ausgeschlossen, so Bervoet.

Ausweg über die Nachwuchsarbeit?

Marc Coucke, Vorsitzender und Clubeigner in Personalunion, kann seinen Verein mit der Gewährung von Krediten weiter Oberwasser geben, so Bervoet: „Der Vorsitzende ist sehr reich, doch er wird nicht ewig Geld in seinen Verein pumpen. Auch das ist für ihn eine Investition, die sich zumindest von selbst tragen sollte. So langsam muss der Club die Spreu vom Weizen trennen…“

Ein Weg könnte sein, beim Personal und bei den Funktionskosten zu sparen, doch dies ist kein Allheilmittel. Ein anderer Weg ist der, über eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit Talente zu fördern, die in absehbarer Zeit auf dem Transfermarkt Mittel einspielen sollen. In diesem Bereich hat Spieler-Trainer Vincent Kompany das Heft in der Hand. 

Anderlecht verdient einfach momentan zu wenig Geld, wodurch der Club schwer über seinem Stand lebt.“

Dries Bervoet, Wirtschaftsjournalist bei De Tijd

Dessen Fußball-Jugendakademie in Neerpede bei Brüssel, die dem RSC Anderlecht angeschlossen ist, ist auch in den Augen von Wirtschaftsanalyst Dries Bervoet eine Schatzkammer. In den letzten Jahren haben sich hier finanzträchtige Talente, wie Youri Tielemans oder Dennis Praet entwickelt. Doch auch hier fehlt derzeit das in dieser Hinsicht absolute Toptalent, es sei denn der aktuelle Jungstar Michel Vlap, in den gerade beim RSC viel Hoffnung gesetzt wird, fängt damit an, am laufenden Band Tore zu schießen…

Laut Bervoet lebt der RSC Anderlecht derzeit über seinem Stand und ob das auf Dauer gut geht, ist hier die Frage, denn kurzfristig braucht es eine Lösung: „Anderlecht verdient einfach momentan zu wenig Geld, wodurch der Club schwer über seinem Stand lebt. Anderlecht überlebt nur auf Basis der Lebenslinie von Marc Coucke.“ 

Marc Coucke