100 Jahre deutschsprachiges Belgien - Die eigentliche Geschichte beginnt mit dem Versailler Vertrag

Am 10. Januar 1919 trat der Versailler Vertrag in Kraft und damit war Belgien ein Stückchen größer geworden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs musste Deutschland als Verlierer dieses Konflikts Teile seines Einzugsbereiches und seines Landes abtreten. Darunter fielen auch die Ostkantone, also die Region um Eupen, Malmedy und St Vith, die Belgien als Kompensierung für die Kriegsschäden zugesprochen bekamen. Belgien wurde damit genau 1.050 km² größer. Teil 1: Ein Teil der Geschichte beginnt mit dem Versailler Vertrag.

Damals gefiel es in den Ostkantonen bei weitem nicht jedem, plötzlich Belgier werden zu müssen. Während sich das frankophone Malmedy und sein Umland darüber freuten, endlich die „Preußen“ los zu sein, mussten sich die nun ehemals deutschen Gebiete einer völlig neuen Situation beugen und damit auch einem „neuen“ Staat. Dieser Staat organisierte vom fernen Brüssel aus ein Jahr später in den Ostkantonen eine Volksbefragung mit nicht sonderlich das Verständnis fördernden Regeln.

Nur wer gegen den Anschluss der Gebiete an Belgien war, musste sich registrieren lassen. Das taten aber nur genau 272 dieser „Deutsch-Belgier“. Eigentlich wären damals etwa 33.000 Personen stimmberechtigt gewesen. Die, die damals ihren Namen angaben, waren später einigen Repressalien ausgesetzt…

In den Jahren danach schlugen sich die deutschsprachigen Ostbelgier mehr oder weniger durch und ordneten sich ins belgische Staatsgefüge ein, doch spätestens beim Aufkeimen des Nationalsozialismus in benachbarten Deutschland, der seine Wurzeln nicht zuletzt in der Frustration nach dem Versailler Vertrag hatte, rumorte es auch hier. 

Und wieder wird Ostbelgien zum Spielball in einem Krieg

Es kam, was kommen musste. In den 1930er Jahren sorgten auch in Eupen und Sankt Vith die Nazis für Anhänger und die Menschen in der Region waren zwiegespalten und mussten sich teilweise nicht ganz freiwillig für die eine oder andere Seite entscheiden. Bei den belgischen Wahlen 1936 empfahl die Hitler-nahe Partei „Heimattreue Front“ weiß zu wählen, das damals die absolute Mehrheit der Ostbelgier auch taten. Überwiegend waren die Ostbelgier also damals wieder für eine Rückkehr ins nun vermeintlich wiedererstarkte Deutsche Reich. 

Doch der Zweite Weltkrieg und seine zerstörerischen Folgen hinterließen weitere und wohl noch tiefere Wunden in der Region. Einige Ostbelgier wurden in die belgische Armee eingezogen, viele andere mehr zog es freiwillig zur Wehrmacht oder zu anderen deutschen Einheiten. Nicht zuletzt wurde Ostbelgien nach dem Einmarsch der Deutschen in Belgien wieder deutsch und die jungen Männer wurden ganz einfach eingezogen. 

Langes Leiden

Am Ende des Zweiten Weltkriegs, im Zuge der Ardennenoffensive, mussten einige Ortschaften besonders schwer leiden. So wurde Sankt Vith, heute die zweitgrößte Stadt in der Deutschsprachigen Gegend, durch mehrere Bombenangriffe völlig zerstört und auch einige Dörfer trugen im Zuge von schweren Kampfhandlungen heftige Schäden davon. Nicht wenige Zivilisten kamen dabei ums Leben, andere trugen schwere seelische Schäden davon, denn sie sahen oder erlebten nicht zuletzt auch schwere Kriegsverbrechen.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto aus der Zeit der Ardennenoffensive weiter)

Mit dem Kriegsende war die Geschichte des Leidens aber nicht wirklich an ihrem Ende angelangt. Die Ostkantone wurden wieder belgisch und jetzt war erst einmal alles verdächtig, was deutsch klang oder erschien. In den 1950er Jahren waren die deutsche Kultur der Ostbelgier und besonders deren Mutterspreche im belgischen Landesinneren eher verhasst. Das änderte sich erst etwa in den 1970er Jahren. 

Deutsch als dritte Landessprache in Belgien

Die Anerkennung der deutschen Sprache als dritte Landessprache im Königreich Belgien und vor allem durch die Staatsreformen in den 1970er und 1980er Jahren sorgten nach und nach dafür, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft letztendlich zu der erfolgreichen autonomen Region werden konnte, die sie heute ist. Oliver Paasch (ProDG - Foto unten) der aktuelle Ministerpräsident der DG, sagte vor einiger Zeit in einem Gespräch mit dem flämischen Magazin Knack, dass Ostbelgien heute immer noch eine der bestgeschützten Minderheiten in Europa ist, ein Markenzeichen, das sich seit langem schon bewährt.

Zu den aktuellen Ereignissen in Belgien bzw. zu den politischen Spielchen, die aus flämischer Sicht eine weitere Staatsreform ansteuern sollen, sagte Paasch nur so viel: „Ostbelgien stellt keine Forderungen, doch was die anderen bekommen, muss auch für uns gelten.“ Was das im Zuge einer von einigen Parteien in Flandern angestrebten konföderalen Staatsform in Belgien bedeuten könnte, wird wohl in naher oder ferner Zukunft ein neues Kapitel der ostbelgischen Geschichte darstellen…  

DG-MP Oliver Paasch Nicolas Lambert