Juristische Premiere: Ärzte, die Sterbehilfe gewährten, stehen vor Gericht

Vor dem Schwurgericht von Gent beginnt an diesem Dienstag ein außergewöhnliches Verfahren. Angeklagt sind drei Ärzte, die 2010 einer damals 38 Jahre alten Frau Sterbehilfe gewährten. Die Frau litt unter schweren psychischen Problemen und wollte ihr Leben beendet sehen. Doch die Angehörigen dieser Frau reichten Klage ein, denn ihrer Ansicht nach sei dieser Freitod durch Sterbehilfe zu verhindern gewesen und die junge Frau sein „vergiftet“ worden. Beobachter befürchten, dass dieses Verfahren für ein Auslaufen der Gesetzgebung zur Sterbehilfe in Belgien sorgen wird. Dies ist der erste entsprechende Prozess seit Bestehen des Sterbehilfegesetzes in Belgien aus dem Jahr 2002. 

Am 27. April 2010 bekam die damals 38 Jahre alte Tine Nys Sterbehilfe. Sie wollte ihr Leben damit wegen „aussichtslosem psychischen Leiden“ beenden. Nys erlebte eine schwere Jugend mit heftigen psychischen Problemen, mehreren Selbstmordversuchen und langen Aufenthalten in psychiatrischen Einrichtungen zur Behandlung. Hinzu kamen durch dieses Leben einige gescheiterte Beziehungen. Weihnachten 2009 suchte Nys einen Arzt auf, um sich um Sterbehilfe zu bemühen.

Neben ihren Hausarzt konsultierte sie auch zwei weitere Ärzte, darunter einen Psychiater. Danach wurde vereinbart, dass der 38-Jährigen Sterbehilfe gewährt werden konnte, was vier Monate später auch geschah. Etwa ein halbes Jahr danach zogen die beiden Schwestern der Frau vor Gericht und reichten Klage ein. Ihrer Ansicht nach war dabei das Sterbehilfegesetz aus dem Jahr 2002 nicht korrekt angewendet worden.

War Sterbehilfe im vorliegenden Fall überhaupt möglich?

Die beiden Schwestern von Tine Nys sind der Ansicht, dass dieser niemals Sterbehilfe hätte gewährt werden dürfen. Sterbehilfe wegen eines psychischen Leidens sei nur dann möglich, wenn jemand unheilbar leide und dass sei bei ihrer Schwester nicht der Fall gewesen. Sie sei nicht unheilbar krank gewesen. Vor dem bewussten Tag 2009 sei sie während 15 Jahren nicht mehr in einer Psychiatrie gewesen und nur zwei Monate vor ihren Tod erhielt sie die Diagnose Autismus, wogegen sie niemals behandelt worden sei. Demnach seien bei ihr die möglichen Behandlungen niemals ausgeschöpft worden. Zudem, so die Anklage, sei die Sterbehilfe an sich unprofessionell ausgeführt worden.

Moralischer Prozess?

Dass die beiden Schwestern von Tine Nys Anzeige gegen die drei behandelnden und ausführenden Mediziner eingereicht haben, kommt nicht bei allen Beteiligten gut an. Im Freundeskreis der Verstorbenen hieß es, dass deren Schwestern in den Medien „von einer anderen Tine redeten, als die, wie wir kennen.“ Die Klägerinnen geben zu verstehen, dass sie nicht gegen das Sterbehilfe-Gesetz an sich seien, doch dass man gerade diesen Fall doch genauer analysieren sollte.

Bei einer Verurteilung riskieren die drei angeklagten Ärzte lebenslange Haft. Beobachter befürchten, dass die Sterbehilfe bei einer Verurteilung der Mediziner ein Auslaufmodell werde, denn danach würde wohl kaum noch ein Arzt Sterbehilfe gewähren. Andere Stimmen fürchten sogar, dass dies ein „politisch-religiös motivierter“ Prozess gegen die legale Sterbehilfe in Belgien sei.