Gedenken an die Befreiung von Auschwitz: Wie der „20. Zug“ aus Belgien angehalten wurde

Aus unserem Land sind während des Zweiten Weltkriegs rund 25.000 Menschen vom Sammellager in der Kaserne Dossin in Mechelen (Fotos unten) aus mit Zügen in die Vernichtungslager gebracht worden. Mehr als 28 dieser Züge sind von dort aus ins Vernichtungslager nach Auschwitz-Birkenau gefahren. Doch einer dieser Züge wurde angehalten und einige der Insassen konnten Flüchten. Dieser Zug ging in die Geschichte als der „20. Zug“ ein.

Die Deportationen aus dem zentralen Sammellager an der Kaserne Dossin in Mechelen (Prov. Antwerpen) per Zug begannen konkret ab dem Sommer 1942. Bis Kriegsende wurden 24.916 Juden und 351 Sinti und Roma mit Zügen in die Vernichtungslager der Nazis verbracht. Die meisten davon hatten Auschwitz-Birkenau als Ziel. Nach dem Krieg kehrten nur 1.240 dieser Deportierten nach der Befreiung aus einem KZ oder nach ihrer Flucht nach Belgien zurück.

Der „20. Zug“

Am Abend des 19. April 1943 verlässt der insgesamt 20. Deportationszug Mechelen mit Ziel Auschwitz. Dieser Zug ist besonders lang. In Viehwaggons wurden 1.636 Menschen eingepfercht, darunter 242 Kinder. Mit diesem Zug wurden zum ersten Mal Viehwagen eingesetzt. Bis dahin wurden Juden, Sinti und Roma in Reisezugwagen deportiert, doch aus diesen Zügen konnten viele Insassen auch in voller Fahrt aus den Fenstern springen.

Von SS-Soldaten bewacht

Die Waggons vom „20. Zug“ wurden von außen mit Draht versperrt, um eine Flucht zu vermeiden. Und zum ersten Mal wurde ein solcher Zug von SS-Soldaten bewacht und nicht wie bisher von Mitgliedern der Gestapo. Trotzdem beschlossen drei junge Männer aus dem Widerstand, diesen Zug anzuhalten und zu versuchen, so vielen Menschen wie möglich zur Flucht zu verhelfen. Der junge Mediziner Youra Livschitz, der Student Robert Maistriau und der Musiker Jean Franklemon haben eine Pistole dabei, eine Zange und eine selbstgebaute rote Laterne. In Boortmeerbeek zwischen Mechelen und Löwen (Prov. Flämisch-Brabant) halten sie den Zug mit dieser roten Laterne ganz einfach an.

Ohne Unterstützung des Widerstands und der Partisanen

Sie hatten den Entschluss gefasst, diese Aktion alleine durchzuführen, weil der belgische Widerstand und die Partisanenbewegung aus Furcht vor der SS nicht mitmachen wollten. Also riskierten die drei ihr Leben. Als der Zug stoppte, schoss einer von ihnen mit der Pistole mehrmals in die Luft und die SS-Wachen schossen wild um sich, weil sie dachten, der Zug würde angegriffen. Währenddessen schnitt einer der drei Drahtverschlüsse der Waggontüren auf und rief die Insassen dazu auf, abzuhauen.

Rettung in Belgien

Insgesamt sprangen 231 der Deportierten aus dem Zug. 23 von ihnen wurden dabei von den SS-Leuten erschossen. Die anderen verschwanden im Wald, der an der Kurve der Bahnstrecke lag, wo der „20. Zug“ stehen geblieben war. Die drei jungen Männer wurden nachher alle gefasst. Zwei von ihnen überlebten das KZ. Nur Youra Livcitz kam ums Leben. Er wurde verraten und von der Brüsseler Gestapo hingerichtet. Diese Geschichte machte bald die Runde in Belgien und viele Landsleute verhalten Juden zur Flucht oder versteckten sie. Rund 60 % aller belgischer Juden konnten dank weiter Teile der hiesigen Bevölkerung überleben und wurden niemals von den Nazis geschnappt und deportiert. Darunter waren viele Kinder, die von Familien im dörflichen Belgien aufgenommen und versteckt wurden.