Belgiens Unternehmen bringen sich in Stellung gegen Brexit-Erschütterungen

Großbritannien ist nun nicht mehr Teil der Europäischen Union. Die Mitgliedschaft hat nach 47 Jahren um Punkt Mitternacht (Brüsseler Zeit) geendet. Während der Übergangszeit, also bis Ende 2020, bleibt Großbritannien in der EU-Zollunion und Teil des EU-Binnenmarktes, der wie gewohnt den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen garantiert. Der Handel geht quasi bis Ende des Jahres weiter, als ob das Vereinigte Königreich noch Mitglied der Europäischen Union wäre.

Am 1. Januar 2021 muss jedoch ein neues Handelsabkommen auf dem Tisch liegen. Belgische Unternehmen, die mit den Briten Handel treiben, hoffen, dass der Handel dann auch noch so reibungslos funktionieren wird wie jetzt.

Vergro in Meulebeke ist der größte belgische Exporteur von Obst und Gemüse in das Vereinigte Königreich. Verkäufer Bruno Van Voerenbergh sagte im VRT-Radio am Samstagmorgen: „Wir sind hier in Meulebeke nahe an der französischen Grenze.“ Außerdem sei es nicht weit zum Eurotunnel. Die Stärke von Vergro liege darin, die Kunden schon früh mit Obst beliefern zu können. „Wir hoffen natürlich, dass die Zollformalitäten die Zeit nicht verlängern wird und dass wir auch weiterhin um 10 Uhr abends bei unseren Kunden sein können.“

40.000 Jobs in Belgien in Gefahr

"Wir haben mehrere Brexit-Studien überprüft. Sie alle deuten auf eine Verlangsamung unserer Wirtschaft und eine fühlbare Form der Arbeitslosigkeit hin, wobei die Zahl der verlorenen Arbeitsplätze auf maximal 40.000 geschätzt wird", lautet die Analyse von Graf Paul Buysse, der eine Task Force leitete, die belgische Unternehmen auf den Brexit vorbereiten sollte.

In den vergangenen drei Jahren hat der ehemalige Vorsitzende der Bekaert-Stahlgruppe einen Großteil seiner Zeit dieser Arbeitsgruppe gewidmet, um belgische Unternehmen auf den Brexit vorzubereiten. Für Belgien, insbesondere Flandern, sind die Vorhersagen düster. Worst-Case-Studien sagen bereits jetzt voraus, dass im Falle eines Brexit ohne geregeltem Abkommen – das kann immer noch passieren, wenn die Handelsgespräche scheitern und bis Ende des Jahres kein neues Freihandelsabkommen zustande gekommen ist - Zehntausende Arbeitsplätze verloren gehen. Andererseits könnten Arbeitsplätze geschaffen werden, zum Beispiel durch multinationale Unternehmen, die Filialen von Großbritannien hierher verlegen.

Nach Angaben von Buysse seien die belgischen Unternehmen jedoch auf den Ausstieg vorbereitet. Insbesondere in Flandern sei allen klar, dass es zu wirtschaftlichen Erschütterungen kommen werde. Dort stehe man nun in ständigem Kontakt mit Beratern von Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die schwersten Schläge seien laut Buysse in Westflandern zu erwarten. "Obwohl gut vorbereitet, könnten große Unternehmen - hauptsächlich in der Textil- und Maschinenkomponenten-Industrie tätig - in Schwierigkeiten geraten. Ich denke auch an Autohersteller und Zulieferer, wie die Volvo-Niederlassung in Gent. Ihre Autos und Teile wurden immer ‘just in time‘ nach Großbritannien verschifft, so dass sie keine Lagerbestände aufbauen mussten. Jetzt besteht die Gefahr, dass das nicht so glatt läuft und verlorene Zeit kostet Geld.“

Graf Paul Buysse

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