Seit 100 Jahren gibt es Belgiens Index der Lebenshaltungskosten: Er garantiert Einkommenssicherheit

Dieses Jahr feiert der Index der belgischen Lebenshaltungskosten sein 100-jähriges Bestehen. Er sorgt dafür, das in Belgien Löhne und Sozialleistungen automatisch erhöht werden, wenn die Ausgaben der Privathaushalte für Konsumgüter und Dienstleistungen inflationsbedingt steigen. Im vergangenen Jahrhundert hat sich der Korb der Güter und Dienstleistungen, deren Preis zur Berechnung des Index berücksichtigt wird, gründlich verändert: Von Brot und Schmalz über Winterreifen bis hin zum Netflix-Abo. „So lässt sich eine Geschichte unserer Konsumgesellschaft schreiben", findet der Historiker Peter Scholliers (VUB).

Der Index entstand in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, verdeutlich Scholliers. "Die Preise waren 1918  4, 5 oder 6 Mal höher als 1914. Und man suchte nach einem Messinstrument, um diese Inflation zu berechnen. Im April 1919 erschien der erste einfache Preisindex und im Januar 1920 der Index, wie wir ihn heute kennen".

"Der Index wurde entwickelt, um die Preisinflation zu messen und dann Löhne und andere Sozialleistungen an diese Inflation zu koppeln. Der erste "Korb" (die Liste der Produkte und Dienstleistungen) enthielt nur 56 Produkte, also sehr wenige. Heute sind es 640. Es fehlten auch einige grundlegende Kosten, wie z.B. die Wohnungsmieten. Es wurden vor allem Basisprodukte berücksichtigt: Butter, Brot, Schmalz, Fleisch, Kleidung, Seife und Kohle".

Im Laufe der Jahre hat sich die Liste grundlegend weiterentwickelt. In den 1960er Jahren landete der Fernseher im Indexkorb, in den 1970er Jahren kam der Kühlschrank hinzu und in den 1980er Jahren das Dampfbügeleisen. Kürzlich wurde der Preis für ein Netfix-Abonnement in die Liste aufgenommen. "Wenn man dem Index folgt, kann man eine Geschichte unserer Konsumgesellschaft von 1920 bis heute schreiben", so Scholliers.

Damit der Index die Verteuerung der Lebenshaltungskosten genau widerspiegelt, muss der Warenkorb der Produkte so genau wie möglich dem Konsumverhalten der Bevölkerung entsprechen und die Gewichtung jedes Produkts in der Berechnung so korrekt wie möglich sein. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Akademiker - vereint im so genannten "Indexausschuss" - schlagen jährliche Anpassungen vor, die dann vom Wirtschaftsminister genehmigt werden müssen.

"Zweischneidiges Schwert"

Wenn das Leben aufgrund der Inflation teurer wird und der Index über ein bestimmtes Niveau - den Schwellen-Index - steigt, dann steigen auch die Löhne und Sozialleistungen: In der Regel um 2 Prozent. So kennen wir das System, aber es war auch Mal anders.

"Der Index ist ein zweischneidiges Schwert. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir uns an ständig steigende Preise gewöhnt haben. In den 20er und 30er Jahren war das nicht der Fall. Regelmäßig ist damals das Preisniveau gesunken, mit der Folge, dass auch die Löhne gesunken sind. Dies war von den Gewerkschaften nicht vorgesehen, und es gab Streiks, um diesen Lohnmechanismus zu stoppen. Während der Index heute nur noch als eine große Errungenschaft der Arbeiterbewegung gesehen wird".

Der Index ist wirklich ein Mechanismus zur Sicherung des sozialen Friedens in unserem Land. Was dieses System betrifft, ist Belgien in der Welt ziemlich einzigartig.“
Professor Peter Scholliers (VUB)

„Man kann sich fragen, warum andere Länder dieses Indexsystem nicht übernommen haben", sagt Scholliers und verweist auf die Streikwelle und die Gelbwesten in Frankreich. Können solche Streiks mit einem Indexsystem vermieden werden? „Auf jeden Fall ist das die Lektion der belgischen Geschichte."

Die Arbeitgeber sehen den Index oft kritisch, weil er die Personalkosten in die Höhe treibt. Aber die Mentalität hat sich in dieser Hinsicht geändert, sagt Scholliers. „Dass die Personalkosten so niedrig wie möglich sein sollten, ist eine Denkweise des 19. Jahrhunderts. Heute ist man vor allem der Meinung, dass die Kaufkraft der Arbeitnehmer erhalten bleiben muss. Denn wenn ein Arbeitnehmer über Kaufkraft verfügt, kann er auch Dienstleistungen und Produkte kaufen, die vom Arbeitgeber produziert werden".

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