Das Van Eyck-Jahr in Gent startet mit der "Optischen Revolution"

„Die größte Jan van Eyck-Ausstellung, die es je gab!“: Mit diesem Motto wirbt die ostflämische Stadt Gent für ihr Jahr 2020, das diesem außergewöhnlichen flämischen Maler gewidmet wird. Der Anlass für diese besonderen Ausstellung ist der Abschluss der Restaurierung seines berühmten „Genter Altars“. Die Ausstellung zeigt unter anderem 13 der 23 bekannten Werke des Meisters.

So viele Werke von Jan van Eyck (ca.1390-1441) an einem Ort vereint zu sehen, ist schon einmalig und dürfte sobald nicht mehr erlebt werden. Vom berühmtesten Vertreter und gleichzeitigen Begründer der sogenannten „Altniederländischen Malerei“ sind heute weltweit nicht mehr als 23 Werke bekannt. 13 Arbeiten des flämischen Meisters sind nun erstmals im Museum für Schöne Künste in Gent vereint. Doch die Jan van Eyck-Ausstellung zeigt auch über 100 Arbeiten aus seinem Atelier, Kopien verlorener Arbeiten und Bilder von Zeitgenossen aus dem Spätmittelalter.

„Van Eyck. Eine optische Revolution“ nennt sich die seit Anfang Februar Ausstellung, denn er war ein Pionier. Mit seiner vollendeten Maltechnik, seiner revolutionären Wirklichkeitstreue und mit seiner bis dahin nie gesehenen Detailtreue hat er eigentlich die neuzeitliche Malerei eingeläutet und beeinflusst sie bis heute. Um den fast schon fotografischen Realismus in Jan van Eycks Werken hervorzuheben, haben die Ausstellungskuratoren in Gent dessen Werken unter anderem Arbeiten italienischer Zeitgenossen gegenübergestellt, die eher wissenschaftlich konstruiert sind.

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Portrait von Margareta Van Eyck, Groeningemuseum Brügge
Musea Brugge, www.lukasweb.be – Art in Flanders, photo Hugo Maertens.

Van Eycks Bildnisse zeigen keine idealisierten Gesichter mehr. Vielmehr zeigt er Antlitze, wie sie wirklich waren und sind und zwar mit all ihren Falten und Fältchen. Die Menschen in seinen Gemälden sind zumeist vor oder in Szenen eingebaut, in denen nicht nur weitere Personen oder Tiere auftauchen. Und in den Werken Jan van Eycks spielen Natur und Landschaft eine wichtige Rolle. „Der Heilige Franziskus erhält die Stigmata“ aus der Sammlung der „Galleria Sabauda“ in Turin zeigt dies eindrucksvoll.

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Detailgenauigkeit

Jan van Eycks Formsprache findet im weltberühmten Genter Altar seinen Höhepunkt. Der Genter Altar, dem Hauptwerk des Malers und ein Meisterwerk der Kunstgeschichte, ist in der Genter Kathedrale St. Bavo zu sehen. Zum ersten und wohl auch letzten Mal sind mehrere Tafeln dieses Altars außerhalb der Kathedrale zu sehen. Zu den Exponaten der Ausstellung zum Jan van Eyck-Jahr gehören die acht restaurierten Flügel der Außenseite des Altars und die noch zu restaurierenden Innenflügel mit Adam und Eva, deren Nacktheit bis ins kleinste Detail wiedergegeben wird.

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Ein Ausschnitt des "Lamm Gottes" bei der Restaurierung

Bei der Restaurierung des Genter Altars vermuteten die Beteiligten übrigens, dass Jan van Eyck kurzsichtig gewesen sein müsse. Kurzsichtige seien für ihre besondere Beobachtungsgabe und Detailtreue bekannt und dies zeigt sich in seinen naturgetreuen und millimetergenauen Darstellungen auf beeindruckende Art und Weise. Die Restauratoren müssen es ja wissen, denn sie schauten ganz genau hin… Nicht zuletzt war und ist es ihrer Arbeit zu verdanken, dass einige Werke und Gemälde fast eine 3D-Dimension zeigen und ein schon für damals revolutionäres Spiel zwischen Licht, Schatten und Farbe sorgen. 

Mit der bis zum 30. April 2020 dauernden Ausstellung läutet Gent das „Van Eyck-Jahr“ ein, das in ganz Belgien mit zahlreichen Veranstaltungen begangen wird. Es gehört zum Programm „Flämische Meister 2018-2020“, das zuvor Pieter-Paul Rubens und Pieter Bruegel dem Älteren gewidmet war und dass nicht zuletzt von den flämischen Landesministerien für Tourismus und für Kultur gefördert wird.  

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Portrait von Jan De Leeuw (1436), Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien

Anlass für das Van Eyck-Jahr ist die 2012 begonnene und inzwischen fast abgeschlossene Restaurierung des Genter Altars. Der 1432 enthüllte Flügelaltar, der mit eigentlichem Titel „Die Anbetung des Lamm Gottes“ heißt, wurde seit seinem Entstehen nachweislich mehrmals restauriert. Doch bei dieser Restaurierung, bei der modernste Techniken zum Zuge kamen, gab es eine Überraschung: 70 % des Werkes zeigten schon lange nicht mehr genau das, was Jan van Eyck und sein Bruder Hubert, von dem nur die Mitarbeit an diesem Werk bekannt ist, vor mehr als 600 Jahren erschaffen haben.

Die Restauratoren haben bei dieser minutiösen und millimetergenauen Restaurierung nach wissenschaftlichen Maßstäben Übermalungen und Firnisse aus mehr als fünf Jahrhunderten abgetragen.

Werke aus aller Welt

Der deutsche Kunsthistoriker, Autor und Fachmann für Kunst aus dem Spätmittelalter Till-Holger Borchert - Direktor der Städtischen Museen in Brügge und einer der Kuratoren dieser Ausstellung, hält es für bemerkenswert, dass das Museum für Schöne Künste der Stadt Gent selbst kein einziges Bild von van Eyck besitzt. Die hier gezeigten Werke kommen teilweise von weit her, so Borchert. Dazu gehören z.B. „Porträt eines Mannes mit blauem Chaperon“ aus dem rumänischen Brukenthal-Museum in Sibiu, das „Bildnis des Baudouin de Lannoy“ aus der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin und die „Verkündigung“ aus der National Gallery of Art in Washington.

Auch Gemälde von Zeitgenossen kommen bei weitem nicht nur aus dem eigenen Land. So kommen Bilder und Zeichnungen auch aus dem Getty Museum in Los Angeles oder aus der Albertina in Wien.

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Die Stigmatisierung des hl. Franziskus, ca. 1430-1432, Philadelphia Museum of Art, John G. Johnson Collection, 1917 - Courtesy of the Philadelphia Museum of Art

Zu den Van Eyck-Werken, die leider nicht in Gent zu sehen sind, gehören die „Lucca-Madonna“ aus dem Städel Museum in Frankfurt und „Der Mann mit dem Turban“ aus der Sammlung der National Gallery in London, das wohl bekannteste Porträt von Jan van Eyck. Doch jene Gemälde, die sehr wohl in Gent zu sehen sind, zeigen ein malerisches (im wahrsten Sinne des Wortes) und künstlerisches Handwerk, das seinesgleichen damals und noch lange danach suchen musste.

Nach der bis April laufenden Ausstellung „Van Eyck. Eine optische Revolution“ geht das Van Dyck-Jahr weiter. Alles in Gent wird rund ein Jahr lang im Zeichen des Maler-Fürsten stehen: Die Kunst, Theater und Tanz, Mode und Design, die Musik und nicht zuletzt auch Gastronomie und Einzelhandel. Und, im Laufe des Jahres wird in der St. Bavo-Kathedrale das neue Besucherzentrum eröffnet. Hier werden historische Kunstschätze aus den vergangenen Jahrhunderten in den neuesten Präsentationstechniken zu sehen und erleben sein. Und gerade „Die Anbetung des Lamm Gottes“ der Gebrüder Van Eyck kommt hierbei zum Tragen, denn jetzt können all die Geschichten, die dieses Werk erzählt, auch optisch verständlich rübergebracht werden.

„Van Eyck. Eine optische Revolution“, noch bis zum 30. April 2020. Alle weiteren Informationen zum Van Dyck-Jahr in Gent (und darüber hinaus) finden Sie unter vaneyck2020.be. Die Eintrittskarten zu dieser Ausstellung gehen übrigens „weg wie warme Semmel“… Das Museum für Schöne Künste in Gent befindet sich am Fernand Scribedreef 1 in 9000 Gent. Info: mskgent.be  

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