Andreas Kockartz

Brüssel-Kongress: Der verschlafene Beamtenbahnhof in der Nord-Süd-Verbindung

Die 1952 eröffnete Nord-Süd-Verbindung ist die unterirdisch angelegte Bahnverbindung zwischen dem Nordbahnhof und dem Bahnhof Brüssel Süd/Midi. In diesem Bahntunnel, der meistbefahrenen Bahnstrecke in ganz Belgien ist der von Victor Horta gebaute Zentralbahnhof einer der bekanntesten Bahnhöfe Belgiens. Doch im Nord-Süd-Tunnel gibt es noch einen zweiten Bahnhof: Die Station Brüssel-Kongress.

Regelmäßige Bahnpendler kennen diesen Bahnhof von der Durchreise, doch die allerwenigsten von ihnen steigen dort ein oder aus. Kein Wunder, denn nur zwei Zugverbindungen halten dort an Wochentagen und dass sind S-Bahnzüge nach Nijvel/Nivelles in Flämisch-Brabant und nach Antwerpen-Zentral. Das sind vier Züge pro Stunde und etwa 2.500 Fahrgäste pro Tag von denen die meisten zu den Stoßzeiten hier ankommen oder abfahren. Und an Wochenenden hält dort gar kein Zug.

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Andreas Kockartz

Doch wenn man sich diesen Bahnhof anschaut, scheint er für den aktuellen Bedarf deutlich überdimensioniert zu sein: 6 Gleise und 4 Bahnsteige. Offenbar hatte man mehr mit diesem Bahnhof vor, als er im Zuge des Projekts der Nord-Süd-Verbindung geplant wurde. Von außen betrachtet, ist dieser Bahnhof Brüssel-Kongress schon auffallend, auch wenn kaum jemand weiß, dass der 25 Meter hohe Turm an der Pachecolaan unweit der namensgebenden Kongresssäule der Eingang dieses Bahnhofs ist. Und noch nicht einmal dieser Turm war als Eingang zur Station Brüssel-Kongress vorgesehen. Doch er war nun mal da…

Gedacht war er als Turm für die Ventilatoren für Frischluft in dem langen Bahntunnel der Nord-Süd-Verbindung, denn es sollten natürlich mit Dampfloks gezogene Züge hindurchfahren. Neben dem Turm an der Pachecolaan gibt es übrigens am Kunstberg und am Magdalena-Eingang zum Zentralbahnhof zwei weitere dieser Ventilatoren. Wirklich gebraucht wurden diese nicht, denn die Nord-Süd-Verbindung wurde von Anfang an elektrifiziert und Dampfzüge wurden mit E-Loks durch den Tunnel gezogen, während sie selbst keinen Dampf abließen. Und Ende 1966 schaffte die belgische Eisenbahngesellschaft NMBS/SNCB die Dampfloks ab.

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Der Bahnhof bietet auch Obdachlosen Schutz für die Nacht
Andreas Kockartz

Ein Bahnhof für das Brüsseler Verwaltungsviertel

Anfang der 1950er Jahre beschloss die damalige belgische Regierung, die gesamte staatliche Verwaltung in einem einzigen Komplex zusammenzufassen. Dazu wurde das Staatliche Verwaltungszentrum (niederländisch “Rijksadministratief Centrum” bzw. französisch “Cité administrative de l'État”) an der Pachecolaan unweit der Kongresssäule errichtet (Foto unten), denn andere Grundstücke mit einer solchen Größe lagen zu weit ab vom Stadtzentrum. Dazu und auch für den Bau der Nord-Süd-Verbindung wurden zahllose Wohnhäuser und die Kongress-Markthalle abgerissen…

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Andreas Kockartz

Doch ein solch riesiges Verwaltungszentrum braucht eine gute Verkehrsanbindung und deshalb wurde der Komplex der zentralen Ventilation die Basis für den dort angelegten Bahnhof Brüssel-Kongress. Interessant ist, dass jahrzehntelang der Haupteingang kaum genutzt wurde, denn der Bahnhof weist einen direkten Durchgang zum Verwaltungszentrum auf, damit die Staatsbeamten nicht durch Wind und Wetter zu ihrem Arbeitsplatz gehen mussten.

Sowohl der Bahnhof, als auch der Ventilatoren-Turm wurden von dem Brüsseler Architekten Maxime Brunfaut entworfen und gebaut. Brunfaut hatte auch die Arbeit am Zentralbahnhof einige Kilometer weiter übernommen, nach dem Victor Horta gestorben war. Die unterirdischen Anlagen beider Stationen gleichen sich übrigens. Sie tragen ja in etwa die gleiche Handschrift, zumal Brunfaut ein Schüler Hortas war.

Weitere Besonderheiten in der Nord-Süd-Verbindung

Die Nord-Süd-Verbindung birgt noch einige interessante Punkte und Geschichten. Darunter ist z.B. auch ein weiterer kaum beachteter und bedienter Bahnhof, nämlich der von Brüssel-Kapelle (Brussel- Kapellekerk/Bruxelles-Chapelle). Dieser Haltepunkt, einen Schalter gibt es hier ebenso wenig, wie in Brüssel-Kongress, liegt an der Tunnelein- und Ausfahrt auf der Seite des Süd/Midi-Bahnhofs und hat seinen Namen von der nahegelegenen Kirche Notre-Dame de la Chapelle. Dieses Gotteshaus ist aufgrund seiner romanischen Architektur bemerkenswert und gilt als eine der interessantesten Kirchen Belgiens. In einem der Flügel befindet sich das Grabmal des Malers Pieter Breughel und seiner Gemahlin.

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So kennen die meisten Pendler und Bahnreisenden Brüssel-Kapelle - einmal rasch hindurchgefahren...
Andreas Kockartz

Diesen Haltepunkt bedienen auch nur jene Züge, die auch in Brüssel-Kongress halten. Potential für mehr hätte er, liegt er doch in unmittelbarer Nähe zum Marollen-Viertel, zu einigen Schulen, Hochschulen und Krankenhäusern oder auch zur Stalingradlaan mit ihren vielen Geschäften. Doch diese Haltestelle hat kaum noch Bedeutung, zumal seit einiger Zeit auch das hier ansässige alternative Kulturzentrum Recyclart ausziehen musste, das hier seit dem Jahr 2000, als Brüssel europäische Kulturhauptstadt war, seine Heimstätte gefunden hatte.

In Brüssel Süd/Midi plant man inzwischen, einige unterirdische Gänge, die bisher nicht wirklich genutzt wurden, eine neue Bestimmung zu geben, z.B. kommerzieller Art (Foto unten).

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Pascal Smet

Der Königliche Salon

Eines der am besten bewahrten Geheimnisse in der Nord-Süd-Verbindung ist der königliche Wartesaal im Brüsseler Zentralbahnhof - wenn überhaupt, dann eher als der „Königliche Salon“ bekannt. Dieser Salon ist einer der einstmals vier königlichen Wartesäle in belgischen Bahnhöfen. Die „Salons“ von Brüssel-Nord und von Ostende sind heute verschwunden und der von Brüssel Süd/Midi ist heute ein Versammlungsraum der belgischen Bahn. Der von Brüssel-Zentral aber existiert noch und wird, auch wenn er als Wartesaal der belgischen Royals nicht mehr genutzt, gepflegt und gehegt. Diesen Saal besuchte VRT NWS-Hausfotograf Alexander Dumarey mit seiner Kamera vor einiger Zeit. Hierunter finden Sie einige seiner Fotos.

Diese unauffällige Türe ist der Eingang zum "Königlichen Salon"