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EU-Ratspräsident Michel: "Europa und Afrika müssen gemeinsam neues Kapitel schreiben"

Das jährliche Treffen der Afrikanischen Union (AU) erlebte am Sonntag in Addis Abeba seinen diesjährigen politischen Höhepunkt. Der Präsident des Europäischen Rates und ehemalige belgische Premier Charles Michel nahm zwar nicht am formellen Gipfel teil, besuchte aber die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba, Hauptsitz der Afrikanischen Union. Er war zu einem Staatsdinner, das der äthiopische Premier Abiy Ahmed Ali ausrichtete, geladen und traf sich am Rande des Gipfels mit führenden Persönlichkeiten.

„Es ist eine Ehre und ein Privileg für mich, als Stimme Europas vor Ihnen das Wort zu ergreifen, in Äthiopien, dem Ursprungsland und der Wiege des letzten Friedensnobelpreises“, begann Michel seine Rede am Sonntagabend beim Staatsdinner in Addis Abeba vor den afrikanischen Staats- und Regierungschefs, die am jährlichen Gipfel der Afrikanischen Union teilnehmen. Er sprach im Namen der 27 EU-Mitgliedstaaten: „Ich bin heute Abend hier, um für 27 europäische Länder zu sprechen. 22 von ihnen hatten nie eine Kolonie. Eine neue Generation von Führungskräften kommt an die Macht. Sie werden nicht durch die Last der Wehmut behindert.“

Wen Michel mit den 22 Mitgliedstaaten, die keine Kolonien in Afrika hatten bzw. den 5 Mitgliedstaaten, die Kolonialmächte dort waren, meinte, ist nicht deutlich. Die sieben EU-Mitglieder Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Portugal und Spanien waren einst Kolonialmächte in Afrika.

Afrika und Europa hätten sich verändert, so die Botschaft des Präsidenten des Europäischen Rates. Afrika und Europa sollten eine postkoloniale Beziehung aufbauen, die sich auf die gemeinsamen großen Herausforderungen, die globale Erwärmung und die digitale Revolution, konzentriert: „Wir wollen in die Zukunft blicken, und auf unsere Nachbarn. Wir wollen den Klimawandel angehen und die digitale Revolution. Die beiden großen Herausforderungen, vor denen wir alle stehen.“

Weiter betonte Michel, Europa wolle auf der internationalen Bühne das Wort ergreifen, wo seine Werte sein Handeln inspirierten. „Dieses sich wandelnde Europa blickt mit neuen Augen auf Afrika - mit Respekt, Optimismus und Zuversicht!“

Die Europäische Union will jedenfalls eine aktivere Rolle in der Welt spielen. Dazu gehört eine umfassende Strategie für Afrika. Vor diesem Hintergrund gab Michel zu verstehen: „Afrika ist pulsierend, voller Energie der Jugend, und es schwirrt vor neuer Technologie! Ein Kontinent der Chancen: Das ist es, was Europa sieht“, so ein Auszug aus Michels Rede, die der Presse nach dem Dinner vom Rat zugesandt wurde.

Beide Kontinente sollten in der Beziehung zueinander einen Neuanfang wagen, meint Michel: „Lange Zeit blieb Europa in einer überholten Sichtweise auf diesen Kontinent gefangen. Auch Afrika hat zuweilen eine Art von Zweideutigkeit in seinem Verhältnis zu Europa kultiviert.“ Michel ging nicht speziell auf Belgien und seine koloniale Vergangenheit ein, sondern sprach von Europa als Ganzes.

Was Europa in Zukunft anstrebt, drückte der Belgier folgendermaßen aus: „Europa ist Ihr Partner für Handel, Investitionen, Zusammenarbeit und Entwicklung. Aber diese Partnerschaft reicht nicht mehr aus, sie muss neu erfunden werden. Wir müssen ein neues Haus bauen, um unsere vielen gemeinsamen Interessen unterzubringen, und wir müssen gemeinsam ein neues Kapitel schreiben.“

Am gestrigen Sonntag traf sich Charles Michel mit den politischen Führern von Burkina Faso, der Elfenbeinküste, Mauretanien und Dschibuti. An diesem Montag traf Präsident Michel mit den politischen Führern von Niger, Madagaskar, Senegal, der RDC und der Zentralafrikanischen Republik zusammen. Außerdem besuchte er eine von der EU finanzierte Schuhfabrik in Addis Abeba.

Im Mittelpunkt des eigentlichen Gipfeltreffens der Afrikanischen Union (AU) standen die afrikanischen Konflikte. Das Motto des Kontinentaltreffens lautete: "Die Waffen zum Schweigen bringen".