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Belgiens Kernkraftwerke finden keine neue Versicherung

Die belgischen Kernkraftwerke sind wahrscheinlich dazu gezwungen, sich ab 2021 besser zu versichern. Die Haftpflicht der Anlagen ist auf 1,2 Mia. € festgelegt, was allerdings nur ein Bruchteil dessen deckt, was ein Gau an Schäden anrichten würde. Doch eine seit 2004 vorbereitete Neuregelung der Versicherungspflicht könnte ab dem kommenden Jahr greifen und damit wird die Deckung von körperlichen Schäden rückwirkend von heute 10 auf dann 30 Jahre verlängert. 

Die flämische Tageszeitung De Standaard meldet in ihrer Donnerstagsausgabe, dass Kraftwerksbetreiber Engie Electrabel aufgrund dessen für seine zwei Kernkraftwerke Doel bei Antwerpen (Foto) und Tihange bei Lüttich entsprechende Versicherungen abschließen will und muss. Doch sie findet dafür keine Versicherungsgesellschaft, die sich darauf einlassen möchte.

Peter Lodewijcks, Sprecher von Syban, dem Dachverband der belgischen Versicherungsgesellschaften, bestätigte dies gegenüber De Standaard und ist dabei sehr deutlich: „Diese Versicherung kann heute nicht gedeckt werden und sie kann auch international nicht rückversichert werden. Kernkraftwerke werden als ‚nicht attraktives Risiko‘ betrachtet. Eine extrem kleine Möglichkeit eines Unfalls, doch extrem große Folgen. So etwas hassen die Versicherungen.“ 

Kernkraftwerke werden als ‚nicht attraktives Risiko‘ betrachtet. Eine extrem kleine Möglichkeit eines Unfalls, doch extrem große Folgen. So etwas hassen die Versicherungen.

Peter Lodewijcks, Sprecher des belgischen Versicherungsverbandes Syban

Derzeit ist die Haftpflicht der Kernkraftwerke auf 1,2 Mia. € begrenzt. Dabei handelt es sich um eine verschuldungsunabhängige Haftung, die ermöglicht, dass die Kraftwerke finanziell abgesichert sind. Ohne Versicherung aber muss der Kraftwerksbetreiber bei der Regierung vorstellig werden, so De Standaard, um dort eine gesetzlich mögliche Garantie zu beantragen.

Findet Engie Electrabel keine Versicherung, dann wird es problematisch, denn dann darf sie kein Atomkraftwerk betreiben und auch keines abschalten und demontieren, wie dies beim Atomausstieg 2025 vorgesehen ist. Und allen den Kraftwerken angeschlossenen Unternehmen sind dann ebenfalls die Hände gebunden.

Um die beiden belgischen Kernkraftwerke herum in einem Umkreis von 75 km leben etwa 9 Millionen Menschen. Eine Haftpflichtversicherung, die 30 Jahre lang für körperliche Schäden nach einem Atomunfall entschädigt, ist offenbar so teuer, dass Atomstrom, der derzeit durch die längst abgeschriebenen Meiler bei Engie Electrabel quasi für einen Reingewinn sorgt, wirtschaftlich vom Markt gefegt würde, so De Standaard. Ob dieses Dilemma letztendlich den Atomausstieg in Belgien bestätigt oder gar beschleunigt, wird sich erweisen müssen.