Wut und Schock über Judenkarikaturen im Karnevalszug von Aalst

Die jüdische Gemeinschaft reagiert wütend und entrüstet auf den „antisemitischen Umzug“ in Aalst. Premierministerin Sophie Wilmès spricht von einem „Abbruch unserer Werte“. Die Kontroverse um die Judenkarikaturen im vergangenen Jahr und der Ausschluss von Aalst als Weltkulturerbe der UNESCO scheinen genau die entgegengesetzte Wirkung ausgelöst zu haben. In diesem Jahr  waren wenigstens sechs Gruppen mit stereotypischen Judendarstellungen durch die Straßen gezogen.

Joël Rubinfeld, Vorsitzender der belgischen Liga gegen Antisemitismus, war auf dem Karnevalsumzug zugegen: „Ich habe Hakennasen gesehen, eine Klagemauer, die aus Goldbarren gebaut schien, und eine Parodie der Beatles-Nummer „Hey Jude“. Es ist eine Schande für Belgien, dass dies im Namen der Meinungsfreiheit geschieht. Es gibt Grenzen.“ Zwar würden die kontroversen Wagen nur 5 % des Umzugs darstellen, doch blieben gerade diese Bilder hängen., beklagt Rubinfeld.  

Das American Jewish Committee geht noch einen Schritt weiter und fordert die belgische Regierung und Europa auf, den „antisemitischen Karnevalsumzug“ zu verurteilen. 

"Antisemitismus noch verschärft"

Das Forum der jüdischen Vereinigungen bedauert, dass in Aalst erneut judenfeindliche Karikaturen zur Schau gestellt worden seien: „Noch schmerzlicher als im vergangen Jahr“, sagt sein Sprecher Hans Knoop: „Voriges Jahr gingen wir davon aus, dass vielleicht keine beleidigende Absicht dahinter stecke. Jetzt hat man den Antisemitismus noch verschärft.“

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Auch die belgische Premierministerin, die frankophone Liberale Sophie Wilmès (MR), hat inzwischen reagiert: „Obwohl Karneval in Aalst viel mehr als diese Karikaturen bedeutet, stellen diese Taten eine Herabwürdigung der Werte und des Ansehens unseres Landes dar. … Merkmale und Stereotypen, die Gemeinschaften und Völker stigmatisieren, schüren potenzielle Konflikte und beeinträchtigen das Zusammenleben.“

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Bürgermeister D’Haese verteidigt seinen Karneval

Christoph D’Haese, NV-A-Bürgermeister von Aalst und auch selbst im Visier des Spotts (siehe unten), versteht die Entrüstung nicht. Er habe aufgerufen, andere mit dem Karnevalsmotto nicht zu verletzen und den Eindruck, dass die meisten dies beherzigt hätten. „Sicher wird ein schwarzes Schaf unter den 5.000 Karnevalisten sein, aber insgesamt haben wir ein würdiges Bild vom Karneval und der Stadt gegeben.“

Wenn der Bürgermeister hinter seinem Karneval steht, scheint seine Partei nicht wie ein Mann hinter D’Haese zu stehen

Michael Freilich, Jude und Abgeordneter der flämischen Nationalistenkonservativen, bedauert, dass wegen des unangebrachten Verhaltens einiger weniger, ganz Flandern jetzt negativ von Amerika bis Australien dargestellt wird. Auch der flämische Ministerpräsident Jan Jambon von der NV-A teilt die Haltung seines Aalster Parteikollegen nicht: Jambon hatte im flämischen Privatsender VTM an die Vernunft appelliert und die Karnevalisten aufgefordert, sich in die Haut des Opfers von Spott zu versetzen. 

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