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Coronavirus: Welche Auswirkungen hat die Epidemie auf Belgien?

Das Coronavirus hält auch Belgien weiter im Griff. Inzwischen erlässt die geschäftsführende Bundesregierung einige Maßnahmen, das EU-Parlament verzichtet vorläufig auf den Umzugszirkus nach Straßburg, Brussels Airlines sagt weitere Verbindungen ab… Wir fassen die Ereignisse der letzten Stunden hier zusammen.

Die Regierung erlässt ein gutes Dutzend Maßnahmen, um die Folgen der Coronakrise z.B. auf wirtschaftlicher oder arbeitsrechtlicher Ebene abzufedern. Vizepremier Alexander De Croo (Open VLD) deutete an, dass Unternehmer, die gerade Probleme dabei haben, ihre Mehrwertsteuer, ihre Steuervorabzüge und andere Abgaben zu begleichen, können diese gestundet oder in Raten bezahlt werden. Stark betroffene Firmen können auch ihre Belegschaft ohne Probleme in Kurzarbeit schicken (was für die Betroffenen bedeutet, dass sie nur 65 % ihres normalen Einkommens erhalten).

Allerdings müssen die Unternehmen belegen, dass sie direkt betroffen sind, z.B. über annullierte Bestellungen, ausbleibende Lieferungen usw. Diese Maßnahmen greifen ab Freitag und dauern so lange, wie die Coronakrise unser Land in ihrem Bann hält. Ähnliche Maßnahmen hatte die belgische Regierung auch nach den Terroranschlägen auf Brüssel im März 2016 ergriffen.

Virologe hält Panik trotz Besorgnis für unangemessen

Der führende flämische Virologe Marc Van Ranst von der Universitätsklinik Löwen sagte in einem am Freitag veröffentlichten Gespräch mit der Tageszeitung De Morgen, dass man sich angesichts des Coronavirus durchaus Sorgen machen könne, doch eine Panik sei unverhältnismäßig und unangebracht. Van Ranst kann sich vorstellen, dass auch in Belgien die Zahl der Infizierten und der Erkrankten höher werden wird. Und möglicherweise wird es auch hier zu Todesfällen kommen. Doch angesichts der Tatsache, dass sich ein Virus erfahrungsgemäß auf etwa 9 Wochen beschränkt, könnte die Krise in absehbarer Zeit auch wieder abflauen. Der Virologe erinnert u.a. auch daran, dass das „normale“ Grippevirus jährlich alleine in Belgien zu rund 1.000 Sterbefällen führe…

Krankenhäuser halten Mundschutzmasken unter Verschluss

Krankenhäuser in der Provinz Antwerpen halten ihre Mundschutzmasken unter Verschluss. Das tun die aus zwei Gründen. Zum einen kommt es immer häufiger vor, dass Besucher und andere Personen solche Masken schlicht und einfach stehen, sodass bereits einige medizinische Einrichtungen Probleme damit haben, ihr eigenes Personal damit auszurüsten. Zum anderen gehen die Vorräte zurück und die Hersteller und Lieferanten können der Nachfrage nicht mehr unbedingt entsprechen. Die Kliniken wollen jetzt einen eigenen Vorrat anlegen, um im Falle eines größeren Ausbruchs der Epidemie gerüstet zu sein. Das betrifft auch antibakterielle und antivirale Gels und Waschflüssigkeiten.

Gesundheitsministerin De Block kritisiert in diesem Zusammenhang Deutschland und Tschechien

Bundesgesundheitsministerin Maggie De Block (Open VLD) hat einige EU-Mitgliedsländer kritisiert, die den Export von Mundschutzmasken ausgesetzt haben. De Block will dieses Thema bei einem Sondergipfel der EU-Gesundheitsminister vorbringen. Sie richtet sich in diesen Zusammenhang in erster Linie an Deutschland und an Tschechien. Auch die belgische Bundesregierung sucht händeringend nach Möglichkeiten, das Gesundheitswesen mit diesen Schutzmasken zu versorgen. 

Das EU-Parlament verzichtet auf ihrer Sitzung in Straßburg und bleibt in Brüssel

Das Europäische Parlament hat aus Vorsorge wegen der Covid-19-Epidemie darauf verzichtet, die geplante nächste Sitzung im elsässischen Straßburg abzuhalten. Das Parlament bleibt diesen Monat in Brüssel, wie Parlamentspräsident David Sassoli mitteilte. Ein Umzug nach Straßburg berge ein mögliches Gesundheitsrisiko für alle Beteiligten.

Brussels Airlines streicht weitere europäische Flugverbindungen

Die belgische Fluggesellschaft Brussels Airlines streicht für den Zeitraum 8. bis 22. März insgesamt 23 M% aller innereuropäischen Flugverbindungen. Dies ist eine direkte Folge der Covid-19-Krise, denn der Absatz von Flugtickets sinkt deutlich. Das betrifft etwa 20 Flüge am Tag. Schon vor einigen Tagen strich die BA 30 % aller Flüge von und nach Italien, dem am schwersten betroffenen EU-Land. Die Fluggesellschaft nimmt selbst Kontakt zu Reisenden auf, die für die betroffenen Flüge Tickets gebucht haben, um Alternativen anzubieten. 

Lebensmittelindustrie in Belgien besorgt

90 % der Unternehmer aus der hiesigen Lebensmittelindustrie erwarten negative wirtschaftliche Auswirkungen durch das Coronavirus, wie Fevia, der Verband der belgischen Lebensmittelindustrie, nach einer Umfrage unter angeschlossenen Unternehmen festgestellt hat. Über die Hälfte der Betriebe stellen Annullierungen von Aufträgen, Umsatz- und Versorgungsrückgänge sowie Probleme bei Transport und Logistik fest. Zudem würden Geschäftsreisen, Messen und andere internationale Veranstaltungen in diesem Sektor abgesagt oder verlegt. Fevia fordert in diesem Zusammenhang Unterstützungsmaßnahmen auf Landes- und Bundesebene sowie von der EU.

Das belgische Hotel- und Gastronomiegewerbe erleidet Einbußen

Alleine in Flandern werden in diesen Tagen rund 35 % aller Tischreservierungen in Restaurants annulliert und bei den Hotels ist diese Entwicklung noch besorgniserregender. Eine belgienweite Umfrage der Gastronomieverbände bei den Hotels ergab, dass 62 % der entsprechenden Betriebe mit Absagen zu kämpfen haben. Doch bei 22 % der Hotels ist bisher noch keine Annullierung eingegangen. Die allgemeine Umfrage ergab aber auch, dass sich rund 75 % aller Hotels und Gastronomiebetriebe in Belgien ausreichend von den Behörden informiert fühlen. 

Belgiens Außenamt rät von Schulreisen in bestimmte Gebiete ab

Das belgische Außenministerium rät von Schulreisen nach Italien und in die von Covid-19 am stärksten betroffenen Regionen in Frankreich ab. Damit entspricht die Regierung einer Empfehlung des Virologen Marc Van Ranst, der andeutete, dass eine strengere Reisewarnung gerade in dieser Hinsicht ratsam sei. Nicht zuletzt raten auch die italienischen Behörden Schulen aus anderen Ländern dazu, derzeit nicht in das Corona-krisengebeutelte Land zu reisen. Die Bildungsminister der Länder und Regionen werden sich an diese Reisewarnung halten und geplante Reisen bis auf weiteres absagen oder verschieben. Während die Reisewarnung ganz Italien betrifft, wird in Frankreich nur von Schulreisen in bestimmte Regionen gewarnt: Oise, Haute-Savoie/Alpen, Morbihan/Bretagne und Haut-Rhin an der Grenze zu Deutschland und der Schweiz.