Andreas Kockartz/VRT

Ein Teil der Brüsseler Rotlichtmeile heißt jetzt wieder "Kölnstraße"

Direkt hinter der Rückseite des Brüsseler Nordbahnhofs befindet sich die berühmt-berüchtigte Rotlichtmeile Aarschotstraat oder auch Rue d’Arscot. Mehr oder weniger legal bieten hier Frauen, die wohl zumeist aus Osteuropa kommen, hinter rot oder lila beleuchteten Schaufenstern ihre Dienste an. Doch ein Teil dieser Straße gehört nicht zum Rotlichtviertel, sondern ist eine normale Wohnstraße. Dieser Teil ist jetzt umbenannt worden und erhält seinen eigentlichen Straßennamen, der über 150 Jahre alt ist, zurück: „Kölnstraße“.

Am Ende der Brüsseler Rotlichtmeile, die den Gleisen des Nordbahnhofs folgt, trennt die Kreuzung mit der Koninginnelaan die Aarschotstraat in zwei Teile. Dahinter folgt der kleinere nördliche Teil dieser Straße, eine ganz normale Straße mit Wohnhäusern und einigen Handwerksunternehmen. Die dort lebenden Menschen haben ein Problem, denn immer, wenn sie sagen wo sie wohnen, denkt man zuerst an die Bordellstraße. Eine dort angesiedelte Druckerei z.B. gibt als offizielle Adresse ein Gebäude an, dass quasi um die Ecke liegt, also nicht in der vermeintlichen „Puffstraße“, um keine potentiellen Kunden zu prellen…

Was lange währt…

Eigentlich sollte sich dies schon ab Juni 2019 ändern. Der Gemeinderat des Brüsseler Stadtteils Schaarbeek, auf deren Gebiet ein Teil der Aarschotstraat und der Nordbahnhof liegen, hatte beschlossen, den nördlichen Teil der Straße „Keulenstraat“ oder „Rue de Cologne“ nennen, zu Deutsch „Kölnstraße“.

Das hat einen geschichtlichen Hintergrund, der mit der Zeit des Ersten Weltkriegs zu tun hat. Diesen Namen trug die Straße bis 1919. Damals wollte man in Brüssel alles, was auf die verhassten Deutschen hinwies, abschaffen. Also wurden auch Straßennamen verändert. Aus der „Keulenstraat“ wurde die „Aarschotstraat“. Dieser Ortsname sollte an die Stadt Aarschot in der Provinz Flämisch-Brabant erinnern, die beim deutschen Angriff im August 1914 niedergebrannt wurde und die zu den sogenannten „Märtyrerstädten“ in Belgien gehört.

Es dauerte aber bis Anfang März 2020, bis endlich das neue Straßenschild „Keulenstraat/rue de Cologne“ aufgehängt wurde (Foto oben). Offiziell heißt die Straße schon so, doch bis auf das Abhängen des alten Straßenschilds geschah zunächst nichts. Doch irgendwann vor einigen Tagen erstrahlte „Keulenstraat“ in weiß auf blauem Hintergrund an der gelben Fassade hinter der Kreuzung an der Ecke der Koninginnelaan.

Brüsseler Geschichte, die 100 Jahre dauerte…

Diese Straße war nicht die einzige Straße in der belgischen Hauptstadt, deren Name 1919 angepasst wurde. Aus der „Beierenstraat“ im Zentrum, die „Bayernstraße“, wurde die „Dinantstraße“ und aus der „Munchenstraat“ in Sint-Gillies, die „Münchenstraße“, wurde die „Andennestraat“. Beide Ortschaften, Dinant und Andenne in der wallonischen Provinz Namür, sind ebenfalls sogenannte „Märtyrerstädte“ und wurden im August 1914 von den Deutschen schwer in Mitleidenschaft gezogen, wobei wie in Aarschot auch, viele Bewohner umgebracht wurden.

Aber auch die „Kölnstraße“ hatte und hat ihre Geschichte. Sie wurde 1840 angelegt und zwar direkt neben den neuen Gleisen des ersten Brüsseler Nordbahnhofs. Züge von dort fuhren über die erste internationale und grenzüberschreitende Bahnstrecke Europas direkt bis nach Köln durch… Das machen heute auch wieder einige internationalen Züge, die durch den Nordbahnhof fahren: Thalys, ICE, Night Jet… 

Andreas Kockartz/VRT

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