Belgien im Coronamodus: Die Gesellschaft passt sich an

Inzwischen stellt sich die Gesellschaft immer mehr auf die neuen Gegebenheiten ein, die das Coronavirus erfordern. Die strengen Maßnahmen der belgischen Bundesregierung werden weitgehend eingehalten. Doch in der Wirtschaft ist einiges im Argen und es herrscht vielerorts noch Unklarheit.

Apotheken und der medizinische Bereich

Der Apotheker- und Pharmazieverband APB stellt fest, dass sich die Panik in der Bevölkerung langsam legt und dass die Apotheken im Land nicht mehr unter Dauerbelagerung stehen. Und doch fordert der Verband einen besseren Schutz für die Apotheker und ihr Personal in den Ladenlokalen. Beim APB ist man der Ansicht, dass sich die Kunden telefonisch bei ihrer Apotheke informieren sollen und gegebenenfalls ihre Wunschprodukte vorbestellen, damit in den Geschäftslokalen nicht mehr ein so großer Andrang herrscht.

Die Apotheken bleiben geöffnet, wie dies der Notfallplan der Regierung vorsieht. Doch auch hier gilt: Nur ein Kunde pro 10 Quadratmeter Ladenfläche und ein Abstand von anderthalb Metern zwischen den einzelnen Personen. Und, die Apotheken unternehmen alles, damit die Menschen keine unnützen Medikamentenvorräte horten, denn wichtige Produkte könnten andernorts fehlen und für schwere medizinische Probleme sorgen. So ist die Zahl der zu erwerbenden Medikamente bei bestimmten Mitteln deutlich begrenzt.

Inzwischen werden in den Kliniken und Krankenhäusern Fachärzte und Therapeuten umgeschult, damit sie im Falle drastisch steigender Covid-19-Patientenzahlen einspringen können. In der sogenannten „medizinischen Reserve“, in der medizinisch geschultes Personal zusammengefasst wird, das eventuell ebenfalls im Notfall eingesetzt werden kann, sind mittlerweile hunderte Personen eingeschrieben…

Am späten Mittwochnachmittag ist am Lütticher Regionalflughafen Bierset im Cargobereich eine Maschine gelandet, die medizinisches Material, wie z.B. 300.000 Mundschutzmasken, 30.000 Testkits für Covid-19 und anderes medizinisches Material an Bord hatte. Bei der Lieferung handelt es sich um eine weitere Spende des chinesischen Alibaba-Gründers Jack Ma, die vor einigen Tagen bereits angekündigt war. Insgesamt stellt Ma Belgien 500.000 Mundschutzmasken zur Verfügung.

Wirtschaft, Einzelhandel, Bauwesen

Bei den Frisören herrscht Unklarheit. Viele von ihnen sind selbständig und Freiberufler. Was passiert mit ihnen, wenn sie ihr Einkommen verlieren? Laut der belgischen Regierung haben aber auch die selbständigen Frisöre Recht auf ein staatliches Ersatzeinkommen, wie alle anderen Freiberufler auch. Bei den Frisören wird alle so gehandhabt, wie überall anderswo in den betroffenen Bereichen auch: Geöffnet an Wochentagen, nur ein Kunde pro Salon.

Per Notdekret hat die flämische Landesregierung verordnet, dass für eventuell zu bauende Nothospitäler keine Baugenehmigung einzuholen sei. Das mag diese Verfahren durchaus beschleunigen, doch das Baugewerbe in Belgien ist von den staatlichen Maßnahmen in Sachen Coronavirus schwer getroffen worden. Die Bouwuni, der Dachverband der Bauindustrie beschwerte sich darüber, dass die Polizei am Mittwoch Baustellen stillgelegt hat. Inzwischen wird dazu aber mitgeteilt, dass am Bau weitergearbeitet werden kann, wenn dort möglich ist, Abstand zwischen den Kollegen zu wahren. Doch auch am Donnerstag blieben Baustellen in Belgien stillgelegt. Darunter sind auch einige lange geplante Autobahnbaustellen.

Tafeln und Lebensmittelbanken

Durch das Coronavirus und das damit verbundene Hamstern von beratungsresistenten Zeitgenossen bringt inzwischen die Arbeit der Lebensmittelbanken in Gefahr. Der Dachverband der Lebensmittelhilfe ruft die Regierung dazu auf, Mittel zur Finanzierung zur Verfügung zu stellen, damit finanziell schwache oder minderbemittelte Haushalte weiter mit dem Nötigsten versorgt werden können. Die Lebensmittelbanken arbeiten zu 60 % mit Überschüssen aus Supermärkten, Lebensmittelläden und der Lebensmittelindustrie.

Im vergangenen Jahr nutzten 168.476 Menschen die Dienste der Tafeln und Lebensmittelbanken in Belgien. Ein weiteres Problem ist, dass diese Einrichtungen kaum noch ehrenamtliche Mitarbeiter haben, denn diese sind eigentlich fast alle im Rentenalter und gehören zur Risikogruppe in diesen Coronatagen. Also geht auch hier der Aufruf an Menschen, die gerade jetzt helfen wollen, sich bei diesen Initiativen zu melden. 

Die Post setzt außereuropäische Brief- und Paketsendungen aus

Bpost, die belgische Post, stellt bis auf weiteres jegliche Brief- und Paketsendungen in Länder außerhalb Europas ein. Grund dafür ist nach Angaben der Post die Streichung zahlreicher Flugverbindungen. Das mag verwundern, denn gerade in der Luftfahrt soll die Frachtbeförderung uneingeschränkt gewährleistet sein. Und doch bittet die Post ihre Kunden, vorerst keine Pakete, Päckchen oder Briefe mit Adressaten außerhalb Europas in den Postämtern aufzugeben. Doch auch innerhalb Europas kann es laut Bpost zu Verzögerungen bei der Zustellung von Sendungen aller Art kommen. 

Veranstaltungen, Kultur, Unterhaltung

Inzwischen werden in Belgien und auch international auch Veranstaltungen abgesagt oder verschoben, die erst nach dem Termin 5. April stattfinden sollen (dem vorläufigen Stichtag für die Regierungsmaßnahmen). Dazu gehört das Eurosongfestival in den Niederlanden. Die belgische Band Hooverphonic, die unser Land dort vertreten sollte, zeigte Verständnis dafür, denn auch die Popmusiker sind der Ansicht, dass die Gesundheit der Gesellschaft vorgeht.

Und der internationale Königin Elisabeth Wettbewerb (KEW) für Piano, der im Mai in Brüssel stattfinden sollte, ist abgesagt. Das Film Fest Gent, eines der wichtigsten Filmfestivals in Belgien, findet statt und wird gemeinsam mit internationalen Partnern online organisiert. Es werden zudem überall im Land die Bibliotheken geschlossen, was angesichts von Covid-19 aber ebenfalls unerlässlich ist. 

Die weltberühmte „Last Post“, die jeden Abend unter dem Menen-Tor in Ypern zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs gespielt wird, leidet auch unter dem Coronavirus. Um zu vermeiden, dass sich dabei jemand ansteckt, spielt jeden Abend nur ein einziger Musiker diese Melodie und Publikum ist dabei auch nicht zugelassen…

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