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(Hamster)Kaufverhalten in Coronazeiten: Das Angebot- und Nachfrageprinzip ändert sich

Seit das Coronavirus in der vergangenen Woche auch in den Warenhäusern in Belgien für Panik- und Hamsterkäufe gesorgt hat, hat sich das allgemeine Kaufverhalten der Konsumenten spürbar geändert. Inzwischen werden bestimmte Regale zwar nicht mehr so schnell leergekauft, wie vor einigen Tagen noch, doch die Einzel- und Großhandels verbände stellen ein etwas anders gelagertes Konsumverhalten fest.

Logistik-Experten gehen davon aus, dass das neue Kaufverhalten mittel- bis langfristig auch Auswirkungen auf die Produktion bestimmter Lebensmittel und anderer Dinge des täglichen Lebens haben wird. Während in der vergangenen Woche Mehl, Wasser, Milch, Klopapier, Handseife und auch andere Basisprodukte, wie Brot, Eier oder Fleischwaren massiv gekauft wurden, hat sich die Lage im Allgemeinen etwas entspannt, doch noch immer ist zu beobachten, dass bestimmte Produkte, wenn sie wieder im Sortiment auftauchen bzw. nachgeliefert werden, weiter schneller gekauft werden.

„Die Leute haben Angst vor einem Mangel, also kaufen und bestellen sie mehr. Dadurch produzieren Unternehmen auch mehr. Das ist logisch, wird aber irgendwann nicht mehr so sein. Nehmen wir zum Beispiel Toilettenpapier. Wir brauchen nicht plötzlich mehr davon und der jetzt angekaufte Vorrat muss erst noch verbraucht werden. Schließlich leiden wir nicht plötzlich alle an Magen- und Darmgrippe…“, sagt Robert Boute dazu, Experte im Bereich „supply chain management“ an der Universität Löwen (KU Leuven). 

Inzwischen produzieren die Hersteller bestimmte Produkte in größerem Umfang, wodurch sie mit Überschüssen fertig werden müssen. Dann werden in diesem Bereich die Bestellung ausbleiben oder zumindest verringert. Das sorgt dann wiederum für eine Komplette Störung im System von Angebot und Nachfrage.“

Robert Boute, Fachbereich Management am Wirtschaftsinstitut der KU Leuven

Viele Unternehmen haben in diesen Tagen überhaupt keine Vorstellung mehr davon, was und in welcher Menge produziert werden soll, so Boute weiter: „Um manche Firmen mache ich mir Sorgen. Derzeit sind die Supermärkte in bestimmten Bereichen leer, doch in der kommenden Woche werden sie mit einer übermäßigen Menge an bestimmten Waren fertig werden müssen. Und inzwischen produzieren die Hersteller solche Produkte in größerem Umfang, wodurch auch sie mit Überschüssen fertig werden müssen. Dann werden in diesem Bereich die Bestellung ausbleiben oder zumindest verringert. Das sorgt für eine Komplette Störung im System von Angebot und Nachfrage.“ 

Wie wichtig sind die Logistiker in der Versorgungskette?

Das hamsternde Kaufverhalten vieler Zeitgenossen in Belgien beobachtet auch Prof. Thierry Vanelslander, Transport-Volkswirt an der Antwerpener Universität (UAntwerpen). Er stellt fest, dass Lagerarbeiter derzeit allerorten unter hohem Druck stehen und dass auch die Liefer- und Lastwagenfahrer derzeit der Entwicklung nicht mehr in vollem Umfang folgen können: „Bisher ist nirgendwo von Mangel die Rede, weder bei den Herstellern, noch bei den Supermärkten. Doch durch das Hamstern können die Lagerarbeiter die Waren nicht schnell genug in die Regale bringen und dadurch können sie auch nicht schnell geliefert werden. Wenn dann noch Mitarbeiter krank werden oder sich sogar mit dem Coronavirus anstecken, können durchaus Probleme entstehen.“

Hält das noch lange an und ein Großteil der Bevölkerung muss zu Hause bleiben, dann wird es zwangsläufig zu Veränderungen kommen.“

Thierry Vanelslander, Transport-Volkswirt UAntwerpen

Alles hänge von der weiteren Entwicklung der Situation ab, so der Logistik-Fachmann: „Wenn wir z.B. bestimmte Produkte lokal nicht mehr herstellen können oder dürfen, wie das in China der Fall war, dann müssen wir bestimmte Produkte aus den Ländern einführen, in denen das noch möglich ist. Doch auch das ist so einfach nicht! Hält das noch lange an und ein Großteil der Bevölkerung muss zu Hause bleiben, dann wird es zwangsläufig zu Veränderungen kommen.“ 

Im Großen und im Kleinen

Beide, sowohl Boute, als auch Vanelslander, schließen derzeit nicht aus, dass die Coronakrise dafür sorgen wird, dass bestimmte Produkte zeitweise vom Markt verschwinden könnten. Derzeit können Werke, die Autos oder Elektronikprodukte herstellen, nicht produzieren, weil Bauteile und Elemente aus Italien oder aus China nach Belgien geliefert werden müssten, die derzeit aber dort nicht produziert werden können, weil die dortige Industrie gerade stillgelegt ist.

Das führt dazu, dass Hersteller versuchen, entsprechende Bauteile bei anderen Zulieferern „hamstern“. Dies sorgt am Ende bei der Großindustrie für die gleichen Zustände in Sachen Angebot und Nachfrage, wie bei den oben erwähnten Supermärkten.

Betroffen ist hiervon auch der Mittelstand mit seinen kleineren oder mittelgroßen Unternehmen, wie Professor Boute dazu sagt: „Je kleiner ein Unternehmen ist, je sensibler reagiert es auf Veränderungen und Unvorhersehbarem. Großbetriebe können solchen Krisenzeiten eher standhalten, weil sie Reserven haben. Für kleinere Bereiche, wie z.B. für den Fachhandel, kann diese Situation auch fatal werden…“