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Coronavirus: Verbreitung in Belgien viel früher als bislang angenommen? Das Beispiel Island gibt mehr Aufschluss

In Island gibt es derzeit etwas mehr als 1.000 bestätigte Coronapatienten, aber nur zwei Menschen sind an dem Virus gestorben. Herman Goossens, Professor für Mikrobiologie an der Universität Antwerpen, erklärt, warum: Dank einer höheren Testkapazität kann Island mehr Tests durchführen, auch an Menschen, die keine Symptome aufweisen. Dies zeigt, dass mehr Menschen infiziert sind als erwartet und dass vor allem junge Menschen Träger des Virus sind, ohne selbst Symptome zu spüren.  "Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Verbreitung auch in Belgien so verlief, viel früher als wir dachten", betonte Professor Goossens im VRT-Radio an diesem Dienstag.

Dreimal mehr Infektionen pro Einwohner als in Belgien, aber zehnmal weniger Todesfälle. Dies scheinen beeindruckende Zahlen aus Island zu sein, zumindest wenn man sie richtig interpretiert. Herman Goossens, Professor für Mikrobiologie an der Universität Antwerpen, erklärt, was diese Zahlen bedeuten und was wir aus ihnen schließen können.

Island kann viel mehr als Belgien testen, dank eines in der wissenschaftlichen Welt einzigartigen Projekts: Die Firma deCODE registriert die genetischen Codes der gesamten Bevölkerung, etwa 360.000 Einwohner. Auf diese Weise behält sie den Überblick darüber, wer mit wem auf der Insel verwandt ist.

Viel mehr Testkapazität

So verfügt die Firma deCODE auch über die Ausrüstung, die für eine so immense genetische Forschung benötigt wird, die bei dieser Pandemie sehr nützlich ist. "Sie können molekulare Tests durchführen", erklärt Goossens, "und das gesamte Unternehmen hat sich nun massiv auf die Diagnose des Coronavirus konzentriert. Auf diese Weise konnte Island in kurzer Zeit viele Testkapazitäten schaffen.

So kann Island auch mehr Tests pro Einwohner durchführen als Belgien: Das Land hat bereits fünf Prozent seiner Gesamtbevölkerung getestet, verglichen mit einem halben Prozent der getesteten Belgier. Es mag also den Anschein erwecken, dass Island mit 1.086 bestätigten Infektionen, mit einer viel kleineren Bevölkerung, relativ härter betroffen ist als Belgien (derzeit 12.775 bestätigte Infektionen), aber das ist nicht der Fall.

Warum gibt es so wenige Todesfälle in Island?

Nur zwei Todesfälle bisher: Das ist eine sehr milde Zahl, selbst für ein Land mit einer geringen Bevölkerungszahl. Goossens ist nicht überrascht: "Die Menschen leben dort ohnehin viel isolierter: Island ist größer als Belgien, und es leben weit weniger Menschen dort. Das sieht man auch im riesigen Schweden, wo es bisher relativ wenige Todesfälle gegeben hat."

Doch auch der isländische Ansatz scheint zu funktionieren: "Selbst Menschen mit leichten Symptomen werden sofort isoliert. Auf diese Weise wird das Risiko einer weiteren Ausbreitung und damit einer steigenden Zahl von Todesfällen begrenzt."

"Zudem zeigt etwa die Hälfte der entdeckten Fälle keine Symptome: Aufgrund der hohen Testkapazität kann Island auch sie testen", fügt Goossens hinzu. Die Ausbreitung des Virus ist somit viel besser bekannt, was sich auch in der Zahl der Todesfälle niederschlagen wird.

Schlußfolgerungen für Belgien

Die Tatsache, dass auch Menschen ohne Symptome getestet werden können, lehrt uns mehr darüber, wie sich das Virus ausbreitet: "Wenn man sich die Alterskurve anschaut, sieht man dasselbe wie in etwa in Südkorea: Die überwiegende Mehrheit der infizierten Menschen ist zwischen 20 und 40 Jahre alt. Ungefähr die Hälfte dieser Menschen ist sich dessen nicht einmal bewusst", sagt Goossens.

Junge Menschen können also das Virus unbemerkt an ihre Eltern und Großeltern weitergeben, und die Ausbreitung des Virus kann früher stattgefunden haben, als wir vielleicht denken. "Nach einigen Wochen sieht man dann mehr Aufnahmen in Krankenhäusern und mehr Todesfälle, und es ist bereits zu spät, um einzugreifen. Ich bin ziemlich sicher, dass es in Belgien genauso abgelaufen ist. Es könnte sein, dass junge Menschen bereits im Januar, Februar oder März infiziert wurden und das Virus unbeabsichtigt verbreitet haben."

"In einigen Wochen werden wir mehr Informationen darüber haben", fügt Goossens hinzu. "Wir können uns die Serumbanken vom Januar, Februar und März ansehen und so feststellen, ob wir bereits Antikörper finden können. Dann werden wir sehen, wie lange das Virus schon bei uns ist."