Maxime Anciaux - All rights reserved

Die Besuchserlaubnis für Pflegeeinrichtungen sorgt für Unmut im betroffenen Sektor und wird in Flandern ausgesetzt

Der Nationale Sicherheitsrat hatte am Mittwochabend nach seiner Sitzung eine Reihe Anpassungen an die Coronamaßnahmen für Belgien auch die Möglichkeit von Besuchen in Alten- und Pflegeheimen bekannt gegeben. Doch diese Möglichkeit stößt in diesen Sektoren auf Kritik und Ablehnung. Sie sei zwar gut gemeint, so der Tenor, aber gerade jetzt, wo in diesem Bereich die Ansteckungsgefahr besonders hoch liege, sei sie doch realitätsfern. Besonders in Flandern ist die Kritik scharf. 

Bewohner von Pflege-, Behinderten- oder Wohnheimen dürfen nach einer Empfehlung des Sicherheitsrates laut Premierministerin Sophie Wilmès (MR) wieder Besuch empfangen. Das bedeutet konkret, dass eine Person, die nachweislich seit zwei Wochen keine Coronasymptome aufweist, auf Anmeldung in der jeweiligen Einrichtung eine Person besuchen darf. Dies muss aber vorläufig stets die gleiche besuchende Person sein. Dies solle dabei helfen, isolierten Personen psychisch Unterstützung zu bieten, so Wilmès am Mittwoch.

Davon hält der Pflegesektor gar nichts und besonders im belgischen Bundesland Flandern wird Sturm dagegen gelaufen. Diese Besuchsregelung sei unverantwortlich, denn sie sorge dafür, dass alle bis jetzt geleisteten Anstrengungen, um das Chaos gerade in den Seniorenwohnheimen, das bisher dort herrschte, in den Griff zu bekommen, wieder Rückschläge hinnehmen müssen. Auch die Tatsache, dass die Premierministerin hier von einer Empfehlung spreche und nicht von einer Verpflichtung, wie sie am Mittwochabend gegenüber den Medien unterstrich, beruhigt den Sektor nicht.

Verbände in Flandern entsetzt

Vlozo, der Verband der privaten Senioren- und Pflegeheime in Flandern, befürchtet ein neues Chaos. Bevor man solche Möglichkeiten einräume, solle man zuerst dafür sorgen, dass das medizinische und das Pflegepersonal in solchen Einrichtungen mit ausreichend Schutzmaterial, wie Mundschutzmasken und Schutzanzügen ausgerüstet werden, hieß es von dieser Seite her.

Schwereres Geschütz fuhr Zorgnet-Icuro auf, der Dachverband von rund 300 christlichen Pflegeeinrichtungen. Dessen Leiterin Margot Cloet, eine der mächtigsten Personen im gesamten Sektor, hält das für einen völlig falschen Entschluss. „Wer drückt sich so etwas aus dem Kopf? Es ist völlig unverständlich, dass ein solcher Beschluss fällt, ohne das der Sektor dabei mit einbezogen wird.“, zitiert die flämische Tageszeitung De Morgen Margot Cloet am Donnerstag.

Dem Virus die Türen öffnen

„Die Türen zu öffnen bedeutet buchstäblich auch die Türen weit für das Virus zu öffnen. Das führt zu mehr Infizierungen, an denen wieder mehr schwache ältere Menschen sterben werden“, so Cloet weiter. Die deutliche Ablehnung dieser Besuchsmöglichkeit sowohl durch den gesamten Sektor und der Christlichen Krankenkasse, die innerhalb des Netzwerks Zorgnet-Icurio in Flandern selbst Heime betreibt, ist für den flämischen Landesgesundheits- und Wohlfahrtsminister Wouter Beke (CD&V), ein Christdemokrat, ein weiterer schwerer Schlag, nachdem er bereits wegen der schlechten Versorgung mit Schutzmaterial und Coronatests im Pflegebereich in die Kritik geraten war.

Beke versuchte noch am Mittwochabend die Kritik am Beschluss des Sicherheitsrats zu parieren, in dem er daran erinnerte, dass dies nur eine Empfehlung und keine Verpflichtung sei: „Wir werden gemeinsam mit dem gesamten Sektor abwägen, wie wir damit umgehen sollen.“ Später gab er via Twitter bekannt, dass er vorläufig keine Besuche in den Pflege- und Altenheimen zulasse: „Lasst uns den Entschluss aussetzen und gut in gemeinsamer Überlegung vorbereiten. Zu wichtig, um dies schnell schnell zu tun.“ Im Laufe des Mittwochs verlautete von Seiten der flämischen Landesregierung, dass diese Besuchsmöglichkeit erst einmal nicht gewährt werde. Bekes Ankündigung, dies mit dem Sektor zu besprechen, ist die aktuelle Haltung der Landesregierung zu diesem Thema. 

Testresultate und Sterbefälle in den Pflegeheimen

Wouter Beke ist inzwischen der Meinung, dass nicht alle Sterbefälle im Pflege- und Seniorenbereich auf Covid-19 zurückzuführen sind, denn nur etwa die Hälfte aller bisher getesteten alten Menschen, die Krankheitssymptome aufweisen, tragen auch das Virus oder sind daran erkrankt. Demnach sei auch die Zahl der auf das Virus zurückzuführenden Sterbefälle in diesem Bereich zu relativieren.

Im flämischen Landesparlament kündigte der flämische Christdemokrat zudem an, dass in den kommenden Tagen den flämischen Pflegeeinrichtungen weitere 9.000 Coronatests zur Verfügung gestellt werden. Drei Viertel dieser Testkits gehen an Seniorenwohnheime und der Rest ist für Pflegeeinrichtungen im Bereich für Personen mit Behinderungen vorgesehen.