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COVID-19 trifft die Geschlechter unterschiedlich - Regierungen sollten Unterschiede berücksichtigen

COVID-19 trifft die Geschlechter offenbar unterschiedlich.  Da es in dieser Krise unterschiedliche Probleme für Männer und Frauen gibt, fordert die UNO die Regierungen auf, diese geschlechtsspezifischen Unterschiede zu berücksichtigen. Meine Kolleginnen Inge Vrancken und Geertje Ball listen einige Punkte auf, in denen Männer und Frauen von der Coronakrise unterschiedlich betroffen sind.

1. Die Zahlen: mehr Männer sterben am Coronavirus als Frauen

In Westeuropa sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation 68% aller Todesfälle auf Männer zurückzuführen. Auch in den USA sterben einigen Quellen zufolge doppelt so viele Männer am Coronavirus wie Frauen.

Die Zahlen sind nicht immer vollständig und jedes Land zählt auf unterschiedliche Weise, aber es ist klar, dass auch in Belgien mehr Männer an dem Virus sterben als Frauen. Nach Angaben der Regierungsbehörde Sciensano sind 38,4% der Todesfälle in Belgien männlich, 33,7% weiblich. Bei 27,9% der Todesfälle wird das Geschlecht nicht angegeben. Im Prinzip kann das alles noch anders verlaufen. Einige Krankenhäuser in Limburg, Antwerpen und Westflandern bestätigen jedoch ausdrücklich den Trend, dass zwei Drittel der Verstorbenen Männer und ein Drittel Frauen sind.

Vollständige Gewissheit über die Ursachen des Unterschieds gibt es noch nicht. " Doch Viren wie SARS (2002 - 2003) und MERS (seit 2012), ebenfalls aus der Corona-Familie, haben uns bereits etwas gelehrt", sagt Dr. Johan Neyts (Foto), Virologe an der KU Leuven. "Vor einigen Jahren wurden Mäuse während der Forschung mit dem SARS-Virus infiziert. Schon damals war klar, dass Männer häufiger krank sind und weniger des Virus brauchen, um krank zu werden, als Frauen. Wenn man den Weibchen die Eierstöcke wegnimmt, erkranken sie auch schneller. So spielt also auch der Einfluss der Sexualhormone auf das Immunsystem eine Rolle."

Zwei weitere Elemente sind Rauchen und Fettleibigkeit. In China wurde die Verbindung zum Rauchen schnell hergestellt. Es ist ein Land, in dem fast die Hälfte der Männer raucht und kaum 2% der Frauen. "In Belgienist dieser Unterschied nicht so groß", so Neyts, "hier rauchen etwa 25% der Männer und 15% der Frauen. Was genau die Auswirkungen sind, muss weiter untersucht werden.“

Sicher ist, dass ein hoher BMI (Body Mass Index) - also Übergewicht - einen Einfluss hat, und auch da sieht man einen deutlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen. "Männer haben hauptsächlich mehr Bauchfett. Fett ist kein totes Material, sondern besteht aus aktiven lebenden Fettzellen. Die Stoffwechselaktivität von überwiegend abdominalem Fett kann zu einer schwereren Entzündung, z.B. in der Lunge, beitragen". Männer sind biologisch stärker von diesem Virus betroffen als Frauen.

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Archivfoto

2. Soziale und wirtschaftliche Auswirkungen

Die immensen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen dieser Pandemie sind für Frauen stärker spürbar. "Frauen sind an vier Fronten am härtesten betroffen", sagt Luc Cortebeeck, ehemaliger nationaler Vorsitzender der christlichen Gewerkschaft ACV und Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) - eine Organisation der Vereinten Nationen, die Arbeits- und Sozialgesetze auf globaler Ebene erlässt - sagt, es gebe keinen Zweifel: Die Ausgangslage der Frauen ist ohnehin schlechter, so dass die Pandemie sie stärker trifft. Frauen verdienen weniger, sparen daher weniger, haben die prekärsten Arbeitsplätze und leben am häufigsten in Armut.

Diese Kluft vergrößert sich noch weiter in einer Krise wie dieser. "Frauen stehen vor allem wegen ihrer Überrepräsentierung im Pflegesektor an vorderster Front", sagt Cortebeeck. Weltweit machen Frauen 70% des Pflegesektors aus, in Belgien sind es sogar mehr als 80%. "Frauen arbeiten auch weltweit am meisten in der informellen Wirtschaft - und sind daher dort nicht geschützt.

"Von den 2 Milliarden Menschen, die weltweit in der informellen Wirtschaft arbeiten, sind 60% Frauen", so Cortebeeck weiter. "Nehmen Sie die Frauen in Bangladesch. 4 Millionen bengalische Frauen arbeiten in der Bekleidungsindustrie. Die ist praktisch zum Stillstand gekommen. Für diese Frauen gibt es keine Arbeit mehr und kein Sicherheitsnetz. 71% weltweit haben keine soziale Sicherheit. Frauen machen auch die meiste unbezahlte Hausarbeit, die jetzt noch zunimmt, und sie leiden in vielen Teilen der Welt am meisten unter dem Lohngefälle."

Mit seinem geringeren Lohngefälle und der besseren sozialen Sicherheit schnidet Belgien besser bezüglich der ungleichen Situation für Männer und Frauen ab. "Auch bei uns besteht das Lohngefälle noch immer", erklärt Cortebeeck. " Es liegt hier bei etwa 10% und ist kleiner als in vielen anderen Ländern. Männer und Frauen können in Belgien mit gleichen Schutzmaßnahmen rechnen, wie z.B. Arbeitslosengeld oder Entschädigung im Krankheitsfall."

Und doch sind auch hierzulande Frauen die Schwächsten, so Dr. Bea Cantillon, Professorin für Sozialpolitik an der Universität Antwerpen. "Wir haben ein Schutzsystem, auf das wir stolz sein können, aber die soziale Sicherheit bleibt an die Arbeit gebunden. Menschen, die Teilzeit arbeiten, sind nur auf Teilzeitbasis geschützt." Diejenigen, die vorübergehend arbeitslos sind, erhalten jetzt 70% ihres normalen Lohns.

Und ja, es sind vor allem Frauen, die Teilzeit arbeiten. "Für eine alleinerziehende Mutter mit Kindern kann diese Leistung in Höhe von 70% des Teilzeitlohnes genau das kleine Defizit bedeuten, das das Ganze unmöglich macht. Am gefährdetsten sind diejenigen, die bereits vor der Coronakrise verwundbar waren. Die Kombination von Arbeit und Betreuung von Kleinkindern ist immer sehr schwierig. In dieser Krise durchleben diese Menschen sehr schwierige Zeiten.“ Flexi-Arbeiter und Selbständige kommen ebenfalls nicht in den Genuss dieser Schutzmaßnahmen.

Es wird von entscheidender Bedeutung sein, diese Krise und ihre immensen wirtschaftlichen Auswirkungen weiter zu beobachten und auf sie in der richtigen Weise zu reagieren. Die Auswirkungen werden größer, viel größer sogar, als die der Finanzkrise von 2008 sein, sagt Luc Cortebeeck. "Seit dem Zweiten Weltkrieg ist keine Krise so tief und so weit gegangen, die sowohl die Gesundheit als auch die Wirtschaft und das Einkommen beeinträchtigt und alle Gruppen weltweit in allen Bereichen trifft. Eine solche Krise ist bisher einmalig."

3. Viel mehr Berichte über Gewalt in der Familie und in der Partnerschaft

Als am 17. März bekannt gegeben wurde, dass wir in den kommenden Wochen "in unserem Zimmer" bleiben müssen, gingen in Familien, in denen es zu Hause keinen sicheren Ort gibt, die Alarmrufe los. Schon damals wussten die Beraterinnen für Partner- und Familiengewalt, dass ein ziemlich unsichtbares Problem zu schwelen beginnen würde. Familien, in denen bereits Spannungen bestehen, geraten in der Regel noch stärker unter Druck, da sie nun die ganze Zeit zusammen zu Hause sein müssen, ohne viel Kontakt zur Außenwelt. Partnergewalt wird sowohl von Männern als auch von Frauen verübt, aber die Mehrheit der Opfer sind Frauen.

Der Schritt, um Hilfe zu holen, ist oft nicht einfach. "Wenn Sie sexuelle Gewalt oder sexuelle Handlungen erleben, bei denen Sie sich nicht wohl fühlen, werden Sie es kaum jemandem erzählen", sagt Pascale Franck vom Family Justice Center. "Dann muss man ein starkes Vertrauensverhältnis haben. Ich habe Angst vor dem, was gerade jetzt hinter verschlossenen Türen geschieht."

In einigen Ländern gibt es doppelt so viele Berichte über häusliche Gewalt. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor, aber die Hotline 1712 stellt fest, dass es auch mehr Anrufe hierzulande gibt. Nach zwei Wochen der Ausgangsbeschränkungen wurde ein Medienkampagne gestartet, um den Opfern deutlich zu machen, dass auch jetzt Hilfe möglich ist. Diese Kampagne führte plötzlich zu 70% mehr Anrufen. Die Botschaft ist klar, betonen Beth Van Rompuy und Wim Van de Voorde, die Opfern von Partnergewalt helfen: "Bleiben Sie nicht in Ihrem Zimmer, wenn Sie sich in einer unsicheren Situation befinden."

In ganz Spanien gibt es eine Initiative "Mascarilla-19": Frauen, die zu Hause missbraucht werden, können den Apotheker um "eine Maske 19" bitten. Der Apotheker sagt, sie müsse bestellt werden, fragt nach der Adresse der Frau und informiert die Polizei. In Frankreich können Frauen  ebenfalls den Apotheker um eine "Maske 19" bitten. Mehrere Polizeizonen haben in den vergangenen Wochen 30% mehr Meldungen erhalten. Auch in Belgien wird über Hilfsinitiativen nachgedacht.

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4. Entbindung und Nachbetreuung

Ein Kind zur Welt zu bringen, ist schon zu normalen Zeiten nicht unbedingt leicht, aber in Coronazeiten doch nochmal ganz anders. Auf den Entbindungsstationen der Krankenhäuser wird alles getan, um dem Infektionsrisiko vorzubeugen. So darf z.B. nur eine Person bei der Entbindung anwesend sein, und es sind keine Besucher erlaubt. Es gibt getrennte Stationen, damit Infizierte oder Hochrisikopatienten nicht mit anderen Patienten in Kontakt kommen, das Personal arbeitet getrennt. Diese strengen Maßnahmen sind oft eine Beruhigung. Dennoch nehmen sie nicht alle Fragen oder Bedenken weg. Viele Mütter, insbesondere mit einem zweiten oder dritten Kind, entscheiden sich dafür, nach einem Tag nach Hause zu gehen.

Der flämische Hebammenverband erhält auch mehr Fragen zu Hausgeburten. In normalen Zeiten entbinden nur 1% der belgischen Frauen zu Hause. "Die Zahl der Fragen nimmt eindeutig zu", sagt Marlene Reyns, Vorsitzende des flämischen Hebammenverbandes. "Doch wir geben dieser Frage nicht so einfach nach, wenn die Angst vor einer Coronainfektion im Krankenhaus der einzige Grund ist." Sobald hochschwangere Frauen getröstet werden, sehen sie oft davon wieder ab, zu Hause zu entbinden. Zahlen über eine mögliche Erhöhung von Hausgeburten liegen noch nicht vor.

Frauen, die hochschwanger sind oder gerade entbunden haben, sind gefährdet. Ausreichende Unterstützung ist daher wichtig, und diese wird nun verstärkt digital geleistet. "Wenn nötig, gehen wir zu den Menschen nach Hause", sagt Marlene Reyns. "Aber eine Menge Hilfe und Ratschläge können wir digital geben".

Doch so manches, was auf den ersten Blick negativ erscheint, kann sich auch als positiv herausstellen, zum Beispiel dass derzeit kein Besuch erlaubt ist. Viele Besuche kurz nach einer Geburt können nämlich zu Unruhe und Stress führen. Das fällt weg. Allerdings sei nach der Geburt der psychische Zustand der jungen Mütter ein Punkt, der im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen sollte. Besonderes Augenmerk solle darauf gelegt werden, im Falle einer möglichen postnatalen Depression schnell eingreifen zu können, so Reyns.

Doch nicht in allen Ländern der Welt gibt es so viel Fürsorge und Unterstützung für schwangere Frauen. Hilfsorganisationen wie die britische "Marie Stopes International" - aktiv in 37 Ländern - haben errechnet, dass weltweit 9,5 Millionen Frauen und Mädchen aufgrund der Coronamaßnahmen keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibung haben. Die Organisation schätzt, dass dies zu mehr als 3 Millionen zusätzlichen ungewollten Schwangerschaften, 2,7 Millionen unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen und 11.000 Todesfällen durch Schwangerschaftskomplikationen führen könnte.

An mehreren Orten werden Empfängnisverhütung und Abtreibung während dieser Krise nicht als wesentliche Dienstleistungen angesehen. Diese Eingriffe gehen jetzt nicht, um das medizinische Personal und die Ausrüstung für Coronapatienten freizuhalten.

In den Vereinigten Staaten führt die Coronakrise zu einem verschärften Rechtsstreit um das Recht auf Abtreibung. So wurde beispielsweise in den US-Bundesstaaten Texas und Ohio die Abtreibung von der Liste der dringenden Interventionen gestrichen, die während der Coronakrise durchgeführt werden dürfen. Verteidiger des Rechts auf Abtreibung haben dagegen Beschwerde eingelegt. In anderen Staaten, in denen Abtreibung auf der Liste der notwendigen Interventionen steht, haben Abtreibungsgegner genau aus diesem Grund Klagen gegen den Staat eingereicht.

Doch selbst in Ländern, in denen der Schwangerschaftsabbruch noch auf der Liste der genehmigten dringenden Eingriffe steht, wie Italien und Deutschland, sind Abtreibungskliniken derzeit oft geschlossen oder viel schwerer zugänglich und erreichbar. Dies erhöht das Risiko, dass die gesetzliche Frist für einen Schwangerschaftsabbruch überschritten wird. Aus diesem Grund wird in Frankreich erwogen, die gesetzliche Frist für die Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs vorübergehend um 2 Wochen zu verlängern.

Andererseits hat die britische Regierung beschlossen, dass die Abtreibungspille, die normalerweise nur in einer Ambulanz verabreicht werden darf, nun vorübergehend von Frauen zu Hause eingenommen werden darf. Auf diese Weise will sie Frauen helfen, die eine Abtreibung benötigen, aber wegen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus zu Hause bleiben sollen.

5. Gleichstellung der Geschlechter bei der Beratung und Entscheidungsfindung

Da es in dieser Krise unterschiedliche Probleme für Männer und Frauen gibt, fordert die UNO die Regierungen auf, diese geschlechtsspezifischen Unterschiede zu berücksichtigen. Um dies effektiv zu tun, ist es wichtig, dass Frauen in Beratungs- und Entscheidungsgremien auf allen Ebenen gleichberechtigt vertreten sind. Auf diese Weise werden auch die Reaktionen auf diese Krise wirksamer sein.

Auch wenn es sich laut UNO um eine Krise handelt, sei jetzt die Zeit, sich auf eine gleichberechtigtere Gesellschaft zuzubewegen.