Rekonstruktion: Wie virale Botschaften auf Snapchat letztes Wochenende Jugendliche auf Anderlechter Straßen hetzten

Trotz eines Versammlungsverbots wegen des Coronavirus am vergangenen Wochenende gelang es Jugendlichen in kürzester Zeit, Ausschreitungen gegen die Polizei zu organisieren. Snapchat und irreführende Informationen spielten eine entscheidende Rolle. Das geht aus den Videos hervor, die sich VRT-Kollegen  einmal näher angesehen haben.

Es ist Samstag, der 11. April. In den Straßen von Anderlecht lassen wütende Jugendliche ihrer Wut über den Tod von Adil freien Lauf. Adil war ein 19-jähriger Junge, der am Tag zuvor von einem Polizeiwagen bei einer Verfolgungsjagd gerammt wurde und starb. Es kommt zu Unruhen.

Jede Menge Demonstrationen und Massenveranstaltungen werden in Belgien auf Facebook angekündigt. Doch der Anstoss zu den Unruhen in Anderlecht erfolgte hauptsächlich über Snapchat, eine beliebte Smartphone-Anwendung, mit der man Fotos und Videos mit der Welt teilen kann.

Diese App ist besonders bei jungen Leuten beliebt, auch in Brüssel. Beliebte Snapchat-Accounts und ihre Videos erreichen schnell Zehntausende von Followern. Diese Konten werden verwendet, um Nachrichtenbilder, Veranstaltungen oder lokale Initiativen in Brüssel zu verbreiten. Sie melden auch häufig Polizeikontrollen in Brüssel.

Diese Accounts sind die ersten, die kurz nach Adils Tod Botschaften und Bilder verbreiten.

Sie haben einen Bruder getötet"

Auf Facebook und Twitter strömen wütende und emotionale Reaktionen auf den Tod des jungen Adil ein. Aber Snapchat zeigt hauptsächlich eine polarisierende Reaktion. So wird beispielsweise der Anprall mit dem Jungen durch die Polizei als Mord bezeichnet: "Sie haben bei einer Verfolgungsjagd einen unserer Brüder getötet. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen und sagen, dass der (Vorfall) untersucht wird", heißt es. Die Berichte auf Snapchat zeigen auch Bilder vom Schauplatz des Vorfalls.

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Es hat begonnen"

In der Nacht nach Adils Ermordung beginnen die Berichte auch Bilder zu verbreiten, die suggerieren, dass die Situation in Anderlecht eskaliert, während dies in Wirklichkeit (noch) nicht der Fall ist. Das wird erst am nächsten Nachmittag der Fall sein.

In einem anderen auffälligen Snapchat-Film fährt jemand an einem brennenden Lastwagen vorbei. "Es ist Krieg", sagt der Macher des Videos. "Ça commence", "Es geht los", titelt das Video, als ob die Rache auf der Straße begonnen hätte. Nachforschungen der VRT zufolge wurde das Video tatsächlich in Anderlecht, im Stadtteil Peterbos, aufgenommen.

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Bron: Google Earth

Auch die Brüsseler Feuerwehr meldete am selben Abend mehrere Brände in derselben Nachbarschaft. Bei Snapchat begannen sofort Bilder von diesen anderen Bränden zu zirkulieren. Noch wissen wir gar nicht, ob diese Brände tatsächlich eine Protestaktion gegen Adils Tod waren. Jedenfalls meldete die Feuerwehr an diesem Abend keine Zwischenfälle mit Schaulustigen. Aber in Snapchat wurden beide Vorfälle sofort miteinander verknüpft.

Polizeimacht zeigen

Noch vor den Krawallen, am selben Samstag, teilen die Jugendlichen wie wild Snapchatvideos von Polizeifahrzeugen, die auf sie warten oder auf dem Weg nach Anderlecht sind.

Die schweren Krawalle in Anderlecht beginnen am Samstagnachmittag. Die Polizei hatte mit der Aktion gerechnet, erzählt sie der VRT: "Wir waren ein bisschen darauf vorbereitet. Es ist nicht das erste Mal, dass wir das erleben. Ich bin kein Virologe, aber Menschen, die seit vier Wochen drinnen sind, vor allem junge Leute, kombiniert mit schönem Wetter, das nicht zu unserem Vorteil wirkt... das könnte eine Rolle gespielt haben", sagt Patrick Evenepoel, Polizeichef der Polizeizone Brüssel-Midi, am Samstag, den 11. April, in den VRT-Nachrichten.

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Vater des Opfers spricht

Die schockierenden Bilder der Unruhen, zu denen auch verschiedene Angriffe auf Polizeiautos gehören, kursieren dann schnell über alle möglichen sozialen Medienkanäle.

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Die Nachricht über das Chaos in Anderlecht erreicht auch den Vater des verstorbenen Adil. Über ein Video auf Facebook ruft er die beteiligten Jugendlichen auf, sich zu beruhigen: "Macht nicht dieselben Fehler wie andere, denn das ist sehr gefährlich", heißt es. "Ich möchte alle jungen Leute auffordern, sich zu beruhigen, vernünftig zu sein. Bringen Sie sich und Ihre Familie nicht in Schwierigkeiten".

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Auffallend: Auf den beliebten Snapchat-Berichten, die die Jugendlichen angefeuert haben, ist der Appell von Adils Vater viel weniger leicht zu finden. Als die Unruhen beendet sind, wird eine Audiobotschaft (Ton auf schwarzem Bild) von Adils Onkel verbreitet. Auch er ruft zur Besonnenheit auf.

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Misstrauen und Polarisierung

Vor, während und nach den Unruhen in Anderlecht sind es die polarisierenden Botschaften, die bei den Jugendlichen in Brüssel gut ankommen, viel mehr als objektive Informationen oder der Aufruf zur Beruhigung, den Adils Vater lanciert, analysiert mein Kollege Majd Khalifeh.

In diesem Sinne haben die populären Snapchatter, die die Jugendlichen anheizten, zu den gleichen Mitteln wie links- und rechtsradikale Accounts, gegriffen, die ihre Unterstützer mit Informationen in polarisierender Sprache anstacheln.

Diese Snapchat-Accounts an sich sind nicht sehr zahlreich, obwohl sie für Tausende von jungen Menschen in Brüssel attraktiv sind, die über lokale Initiativen, Anzeigen und Nachrichten informiert werden wollen. Doch in Brüsseler Stadtvierteln, in denen die Beziehungen zur Polizei seit Jahren gestört sind, tragen solche Botschaften natürlich nicht zum sozialen Frieden oder zum Vertrauen in die Polizei bei. In der Zwischenzeit warten alle darauf, was die Untersuchung von Adils Tod ergeben wird.