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Covid-19 greift nicht nur die Lungen, sondern auch das Blut an: "Damit hatten wir nicht gerechnet"

Die Forschung zu Covid-19, der Krankheit, die das Coronavirus verursachen kann, zeigt, dass es nicht nur die Lungen, sondern auch das Blut befällt. "Damit hatten wir anfangs nicht gerechnet", so der Intensivforscher Geert Meyfroidt von der UZ Löwen in "Neue Fakten" im VRT-Radio. Die neuen Erkenntnisse sollen dazu dienen, Patienten besser zu behandeln.

Aus weltweiten Autopsieberichten geht hervor, dass 30 bis 40 Prozent der Opfer von Covid-19 an geronnenem Blut starben. "Bei einer Autopsie sehen wir einerseits das Bild einer viralen Lungenentzündung, andererseits Gerinnsel in kleinen Arterien, in die Entzündungszellen eingedrungen sind, und auch unsere Clearingzellen, die normalerweise das Virus abbauen, sind daran beteiligt", sagt Geert Meyfroidt.

"Die Blutgerinnsel befinden sich hauptsächlich in den Lungen und in den Lungenarterien. Infolgedessen hat es auch die rechte Seite unseres Herzens, die die Lungen durchbluten muss, schwer".

Dabei handelt es sich nicht nur um große Gerinnsel, die sehr gefährlich sind und unmittelbare Probleme verursachen können, sondern auch um kleine Gerinnsel in den sehr kleinen Blutgefäßen. "Menschen, bei denen das Risiko eines Gerinnsels besteht, sind Menschen mit Übergewicht, Diabetiker oder mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wir denken, dass es deshalb so viele Menschen auf der Intensivstation mit Covid-19 gibt, die auch diese anderen Beschwerden haben."

Bei den schwersten Fällen

Meyfroidt stellt fest, dass es sich dabei um Befunde bei Menschen handelt, die an dem Virus gestorben sind, also um die schwersten Fälle. Er weiß nicht, ob das Blut bei Menschen mit leichten Symptomen betroffen ist. "Ich habe keine Studien gesehen, in denen sie eine Lungenbiopsie bei jemandem gemacht haben, der überlebt hat. Das ist natürlich ein gefährliches Verfahren."

"Meistens sind sowohl die Lungenbläschen von Covid-19 als auch das Blut betroffen. Am Anfang hatten wir nur mit ersterem gerechnet - angegriffene Lungenbläschen, wie bei der klassischen viralen Pneumonie. Wir hatten nicht damit gerechnet, eine so spektakuläre Gerinnung im Blut in diesem Ausmaß zu vorzufinden."

Führerloser Abwehrmechanismus

"Entzündung und Verklumpung sind zwei Systeme, die sehr stark miteinander verflochten sind, das wissen wir schon seit langem", sagt Meyfroidt. "Das System der Gerinnung ist sehr komplex. Viele Substanzen sind beteiligt. Die Blutgerinnung ist ebenfalls eine Entzündungsreaktion. Was wir bei Menschen sehen, die an Covid-19 gestorben sind, sind Blutgerinnsel und auch eine Menge Abbauprodukte von Blutgerinnseln im Blut. Unser Abwehrsystem ist außer Kontrolle geraten."

Diese neuen Erkenntnisse wirken sich auch auf die Behandlung von Covid-19-Patienten aus. "Es ist vielleicht nicht so gut, dass wir mit relativ hohem Druck beatmen. Wir versuchen, jetzt anders damit umzugehen", erklärt Meyfroidt.

Die Wissenschaftler, die zu Covid-19 forschen, teilen ihre Ergebnisse sehr schnell miteinander. Dank unserer Kollegen haben wir auch sehr schnell erkannt, dass wir den Patienten ebenfalls Blutverdünner geben müssen. Normalerweise erhalten Sie im Krankenhaus Injektionen in den Unterleib, um einer Thrombose vorzubeugen. Jetzt geben wir eine höhere Dosis als normal. Wir bemühen uns um eine perfekte Funktion und testen auch diese, um Komplikationen so weit wie möglich zu vermeiden."

"Wir versuchen auch, in den Mechanismus der Entzündung und Gerinnung selbst einzugreifen, aber das ist ein sehr komplexer Mechanismus. Eine Komponente davon zu behandeln, ist nicht immer eine gute Idee. Es findet gleichzeitig eine Gerinnung und eine Auflösung der Gerinnung statt. Wir kennen eine Reihe möglicher Substanzen, die sowohl auf die Entzündung als auch auf die Blutgerinnung wirken, aber im Moment ist dies noch Theorie. Hierfür braucht es Forschung, um mehr herauszufinden."

Und das kann schnell gehen, denn sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene wird viel über die Krankheit geforscht. "In vielen Bereichen wird das die am schnellsten untersuchte Krankheit sein. Wir können nicht alles zur gleichen Zeit in einem einzigen Zentrum machen, also müssen wir Prioritäten setzen und zusammenarbeiten. Es ist schön zu sehen, wie uns das gelingt. Viele Projekte sind bereits auf den Weg gebracht worden."