Nach 15 Jahren Flucht: Mittäter im Mordfall des PS-Politikers Cools in Italien gefasst

Nach 15 Jahren Flucht ist am Mittwoch einer der Mittäter im Mordfall des Lütticher PS-Politikers André Cools gefasst worden. Der im Rahmen eines Prozesses im Jahr 2004 zu 20 Jahren Haft verurteilte Cosimo Solazzo, inzwischen 72 Jahre alt, wurde in einem kleinen Dorf in Süditalien festgenommen. André Cools war am 18. Juli 1991 vor dem Haus seiner Lebensgefährtin erschossen worden (Foto). Seine Freundin wurde dabei schwer verletzt. Die Hintergründe dieses Mordes sind bis heute nicht aufgeklärt und die bisher verurteilten Personen sind wohl „lediglich“ die Ausführenden gewesen…

2003, 12 Jahre nach dem eigentlichen Mord, fand ein erster Schwurgerichtsprozess gegen die bis dahin ermittelten Verdächtigen statt. Die Ermittlungen dauerten lange, denn die Sache brachte einige politische Skandale ans Tageslicht. André Cools war eines der Schwergewichte in der Sozialistischen Partei in Lüttich. Cools war Bürgermeister, Minister, Vize-Premier und auch Vorsitzender der PS. Doch zum Zeitpunkt des Mordes hatte sich der damals 63-Jährige aus der Politik längst zurückgezogen.

Im Januar 2004 wurde Cosimo Solazzo (Foto unten) zu 20 Jahren Haft wegen Mordes und versuchtem Mord verurteilt. Solazzo hatte zwei tunesische Killer gefunden, diese nach Lüttich gebracht und dort untergebracht. Er selbst behauptete stets, unschuldig zu sein und tauchte vor dem Prozess unter. Bis jetzt konnte er unerkannt in Freiheit leben, doch am Mittwoch konnten ihn Carabinieri auf Basis eines Europäischen Haftbefehls in Veglie, ein Dorf in Süditalien, festnehmen.

Belgien wird einen Auslieferungsantrag stellen, damit Solazzo seine Haftstrafe hier absitzen kann. Theoretisch könnte er jetzt einen neuen Prozess fordern, denn bei dem ersten Verfahren war er ja nicht zugegen. Das wäre dann das 4. Verfahren im Mordfall Cools, denn im Laufe der Jahre hat es bereits zwei Berufungsverfahren gegeben, da Angeklagte monierten, sie hätten keinen ehrlichen Prozess gehabt.

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Domenico Solazzo (Archivfoto)

Der Fall Cools

Am 18. Juli 1991 wurde der wallonische Sozialist André Cools (Foto unten) in Lüttich im Ortsteil Cointe auf offener Straße erschossen. Seine damalige Lebensgefährtin wurde bei dem Mordanschlag schwer verletzt. Cools war Haushaltsminister und Vize-Premierminister in verschiedenen belgischen Bundesregierungen, Vorsitzender der frankophonen sozialistischen Partei (PS), Präsident des Wallonischen Regionalrates und Regionalminister in der Wallonischen Region, bevor er sich im April 1991, kurz vor seiner Ermordung, politisch zurückzog, um sich auf seine Heimatgemeinde Flémalle bei Lüttich wirtschaftlich und kommunalpolitisch zu konzentrieren.

Cools war in einer politisch aktiven Arbeiterfamilie groß geworden und er war zeitlebens politisch sehr aktiv. Im Laufe seiner Karriere hatte sich viele Freunde machen können, aber er machte sich auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene auch Feinde. Dass sich die Ermittlungen zu seinem Mordfall über zwölf Jahre hinziehen würden, ahnte eigentlich niemand. Fünf Jahre lang dauerte es alleine, die beiden tunesischen Auftragsmörder zu fassen, die André Cools getötet haben.

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André Cools, der "Pate von Lütticch"

Ihre Auftragsgeber ausfindig zu machen, gestaltete sich noch viel schwieriger. Hauptverdächtiger war nach langen Ermittlungen Alain Van der Biest, ein André Cools eigentlich sehr nahestehender ehemaliger Regionalminister und PS-Parteifreund des Getöteten. Ein Jahr nach dem Mord wurde die parlamentarische Immunität Van der Biests aufgehoben, um gegen ihn wurde ermitteln zu können.

Politische Skandale und zerstrittene Gerichte

Zudem gab es im Fall Cools einen „Krieg der Gerichte" zwischen der Staatsanwaltschaft Lüttich und der Staatsanwaltschaft Luxemburg. Beide Häuser beschuldigten sich gegenseitig, jeweils Informationen an die Presse weiterzugeben. Erschwerend kam hinzu, dass sich die beiden Gerichte nicht mehr gegenseitig über ihren Ermittlungsstand informierten und sich sogar gegenseitig ermittlungstechnische Erkenntnisse vorenthielten.

Die im Prozess aufgedeckten Skandale, unter anderem der Korruptionsfall um die Anschaffung von Augusta-Hubschraubern für Polizei und Armee in Belgien, über den der damalige Nato-Generalsekretär Willy Claes (von den flämischen Sozialisten SP, heute SP.A) stolperte und der Bestechungsskandal um die staatliche Versicherungsgesellschaft SMAP, konnten nie mit dem Mord an Andrée Cools in Zusammenhang gebracht werden.

Ein anonymer Zeuge zeigte 1996 acht Mitverantwortliche für den Mord an. Das waren neben Alain Van der Biest die weiteren späteren Verdächtigen Carlo Todarello, Richard Taxquet, Pino di Mauro, Cosimo Solazzo, Luigi Contrino, Silvio di Benedictis, Mauro di Santis und Dominico Castellino. Am 17. März 2002, kurz vor Beginn des ersten Cools-Prozesses, nahm sich Alain Van der Biest das Leben. Seine Mitschuld in diesem politischen Mordfall ist bis heute nicht bewiesen.

Lange Haftstrafen

Bei einem ersten Verfahren in den Jahren 2003 und 2004 wurden sechs der acht Verdächtigen zu langen Haftstrafen verurteilt, doch zwei von ihnen, Richard Taxquet und Domenico Castellino, stehen jetzt wieder vor Gericht. Beide wurden seinerzeit zu jeweils 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Castellino, der sich damals noch auf der Flucht befand, wurde in Abwesenheit verurteilt. Er wurde in einem zweiten Verfahren wieder zu 20 Jahren Haft verurteilt, doch er und Taxquet gingen in Berufung, denn sie führen an, keinen ehrlichen Prozess bekommen zu haben. Sie begründen dies mit der Tatsache, dass das Schwurgericht die Urteile gegen die Verdächtigen im Cools-Verfahren nicht motiviert hatten.

Damit bekamen sie vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Recht und so muss das Verfahren gegen die beiden Angeklagten rund ein Vierteljahrhundert nach den Fakten wieder aufgerollt werden. Da in einem solchen Verfahren die bereits urteilenden Gerichtsbezirke oder Staatsanwaltschaften (Lüttich und Provinz Luxemburg) nicht mehr aktiv werden dürfen, fand dieser dritte Cools-Prozess in der wallonischen Landeshauptstadt Namür statt.

Die meisten der Verurteilten sind heute wieder frei. Cosimo Solazzo konnte als einziger der Angeklagten bis heute nicht gefasst werden. Und die wahren Hintergründe für die Ermordung von André Cools bleiben bis heute, rund ein Vierteljahrhundert später, unklar. 

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