Nicolas Maeterlinck

Covid-19: Führende belgische Wissenschaftler raten zu Zurückhaltung beim Corona-Exit

Virologen, Biostatistiker und Epidemiologen warnen vor einer voreiligen Normalität im Zuge der Lockerungen der Coronamaßnahmen durch die belgische Bundesregierung. Die ersten Phasen beginnen am 4. und am 11. Mai. Vor allem dann, wenn die Geschäfte wieder öffnen, befürchten die Wissenschaftler, dass die Abstandsregeln (1,5 Meter zwischen 2 Personen) nicht mehr konsequent eingehalten werden. 

Der Virologe Marc Van Ranst (KULeuven) z.B. hegt Bedenken im Hinblick auf die anstehenden Lockerungen der strengen Coronamaßnahmen der belgischen Regierung. Seiner Ansicht nach wird die erste Phase am kommenden Montag eher glimpflich ablaufen, doch für den 11. Mai befürchtet er Probleme. Van Rast bittet die Menschen darum, nicht gleich die Läden zu stürmen und weiterhin genau alle Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Er erinnert auch daran, dass die Regierung die geplanten Lockerungen, falls die Infizierungen wieder zunehmen, auch wieder zurücknehmen kann.

Ähnlich sieht dies auch dessen Kollegin, die Virologin Erika Vlieghe, die Leiterin der GEES-Gruppe, die die Regierung in Sachen Exitstrategie berät. Zu dieser Expertengruppe gehört Marc Van Ranst übrigens auch. Auch sie drängt die Menschen im Land dazu, alle Abstands- und Hygieneregeln strikt und permanent einzuhalten. Vlieghe erinnert an zwei Vorbedingungen, die aber noch nicht stehen: Mehr Coronatests und eine Kontaktverfolgung von Coronapatienten (das sogenannte „contact tracing“).

Man könnte aus diesen Warnungen schließen, dass die Virologen in Belgien, zumal die Wissenschaftler und Mediziner der GEES-Gruppe mit einer vorschnellen Lockerung eher (noch) nicht einverstanden sind. Ihnen pflichten zudem einige Biostatistiker und Epidemiologen zu. 

Wir sollten noch eine bis zwei Wochen warten. Die Kurven bei den Ansteckungen und den Krankenhausaufnahmen müssen zuerst noch weiter sinken.“

Geert Molenbergs (KU Leuven und UHasselt)

Der Biostatistiker Geert Molenbergs (KU Leuven und UHasselt) sowie dessen Kollege Niel Hens (UHasselt und UAntwerpen) sagten gegenüber VRT NWS, dass sie ebenfalls noch Bedenken hegen. Molenbergs rät zu einer Lockerung erst dann, wenn der Reproduktionsgrad, der sogenannte „R-Wert“, dauerhaft unter 1 bleibt. Derzeit liegt er bei 0,8. Das heißt, dass ein Corona-Infizierter in Belgien 0,8 weitere Personen anstecken kann.

Und er will auch abwarten, bis die allgemeinen Covid-19-Statistiken von Sciensano, dem staatlichen Gesundheitsamt in Brüssel, weiter signifikant zurückgehen: „Wir sollten noch eine bis zwei Wochen warten. Die Kurven bei den Ansteckungen und den Krankenhausaufnahmen müssen zuerst noch weiter sinken.“

Molenbergs und auch dessen Kollege Niel Hens warnen beide vor einer zweiten Infektionswelle im Herbst und sie weisen dabei auf Länder, wie Japan und Singapur hin, die wohl gerade von einer zweiten Welle betroffen sind.

Hens gab gegenüber VRT NWS kürzlich zu verstehen, dass die GEES-Gruppe die Regierung auf Basis ihrer Arbeit für eine Lockerung die Daten 4. Mai für Phase 1A und 18. Mai für Phase 1B empfohlen hatten, doch daraus ist der 11. Mai geworden: „Dadurch haben wir weniger Zeit, die erste Phase analysieren zu können. (…) Es besteht die Möglichkeit, dass sich die Menschen bei der Öffnung der Geschäfte irrationell verhalten. (…) Das Wichtigste ist, dass wir unser Verhalten anpassen. Das Virus zirkuliert jetzt viel weniger. Doch die Leute könnten ein falsches Gefühl der Sicherheit bekommen.“