Michael Bodmann

Energiemärkte wegen Corona aufgerüttelt: Sie können jetzt bis zu 360 Euro bei Energiekosten sparen

Wer Hunderte von Euro sparen will, muss seinen Energievertrag jetzt ändern", betont die Energieregulierungsbehörde CREG. Strom und Gas sind innerhalb eines Jahres um bis zu 30 Prozent billiger geworden. Dadurch können 365 Euro bei den Energierechnungen eingespart werden. Auch Heizöl ist mehr als halb so billig wie vor einem Jahr. Warum sind die Preise so stark gefallen und was hat das Coronavirus damit zu tun? VRT-Kollege Luc Pauwels hat das für Sie herausgesucht.

Am 21. April stürzte der Preis für ein Barrel American West Texas Intermediate Oil unter Null auf -36,63 $. Die Ölproduzenten bezahlten die Kunden ohnehin, um doch noch ihre Überschüsse loszuwerden. Dies war noch nie zuvor geschehen.

Die Ursache: Die Corona-Krise. Sie verursachte einen Zusammenbruch der Ölnachfrage, als es bereits eine Überproduktion gab. Die Folge: Die Lagerkapazität war vollständig ausgelastet. Dieser Speicher bildet einen Puffer gegen große Preisschwankungen. Doch der Puffer war aufgebraucht und billige Ölüberschüsse überschwemmten den Markt.  Mit einem Preis in den USA, der sogar unter Null fiel.

Auch in Europa wurde Brent-Öl (das ist das Öl aus Europa und dem Nahen Osten) viel billiger, blieb aber immer noch deutlich über 0 Dollar.  Die einbrechenden Preise haben dem Verbraucher einen erheblichen Vorteil gebracht: Wenn Sie noch mit Heizöl heizen, ist also jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich einzudecken: Heizöl ist mehr als 50% günstiger als vor einem Jahr (0,7274€ pro Liter Anfang Mai 2019 gegenüber 0,3446€ heute).

Sogar an der Zapfsäule können Sie Benzin und Diesel um mehr als 20% günstiger tanken.  Sie zeigt, wie schwer die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Energiemarkt sind. Nicht nur der Ölpreis wurde hart getroffen, auch Gas und Strom stürzten ab.

Gaspreise "aussergewöhnlich niedrig"

 Die CREG, die föderale Energieregulierungsbehörde, kam letzte Woche mit bemerkenswerten Zahlen ins Parlament.  Verglichen mit der zweiten Märzwoche sank der Gasverbrauch in Belgien am 26. April um nicht weniger als 39%. Dies ist zweifellos auf das wärmere Wetter zurückzuführen, aber sicherlich auch auf das Coronavirus. Ab der dritten Märzwoche begannen wir mit den Einschränkungen hierzulande, und auch der Gasverbrauch der Industrie und der Gaskraftwerke ging erheblich zurück.

Ferner war die Nachfrage nach Gas bereits während des vergangenen milden Winters extrem niedrig, und laut der CREG bestand bereits ein Überangebot, was zum Teil auf erhöhte Importe von billigem Schiefergas aus den USA zurückzuführen war. Infolgedessen befindet sich der Gaspreis seit Monaten in einem Abwärtstrend.

Mit der Corona-Krise hat sich der Druck noch weiter erhöht. Steven Van Caekenberghe von gas.be spricht von "außergewöhnlich niedrigen Preisen", trotz der Tatsache, dass man Gas - genau wie Öl - speichern kann und dass die Speicherkapazität als Puffer gegen übermäßige Preisschocks wirkt. In Belgien wird das Gas am Terminal des Gasnetzbetreibers Fluxys in Zeebrügge gelagert.  Dort lagert Fluxys das Gas gekühlt und verflüssigt in gigantischen Tanks. Allein diese Reserve garantiert den Jahresverbrauch von rund 150.000 Haushalten.  Darüber hinaus gibt es einen großen unterirdischen "Speicherbereich" von 700 Millionen m³ in den mehr als 1.000 Meter tiefen porösen Erdschichten unterhalb von Loenhout. Allein dadurch ist es möglich, 340.000 Familien ein Jahr lang zu versorgen.

Das sind ziemlich große Speicherreserven, aber sie sind bereits zu 85% gefüllt. Das sind 10% mehr als normal, sagt Fluxys. Die Gasversorger wollen ihre Vorräte nicht verlieren und beginnen, immer mehr zu lagern, was bedeutet, dass die Lagerkapazität zur Neige geht. Der Druck steigt auch in Belgiens Nachbarländern, die über viel mehr Speichermöglichkeiten verfügen. Die Speicherung reicht möglicherweise nicht aus, und das überschüssige Gas muss sofort verkauft werden. Das drückt den Preis für Erdgas nach unten. Van Caekenberge von gas.be ist allerdings auch der Meinung, dass das nicht so schnell geschehen wird wie beim amerikanischen Öl. Er hält negative Gaspreise für unwahrscheinlich, aber es gibt einen beträchtlichen Preisrückgang, und das spüren wir bereits bei unseren Gasrechnungen.

Laut CREG sind die variablen Gasverträge für eine durchschnittliche Familie im Vergleich zum April letzten Jahres um nicht weniger als 30% zurückgegangen. Bei variablen Verträgen wird der Gaspreis mehrmals pro Jahr (monatlich oder alle drei Monate) angepasst. Doch auch feste Verträge (bei denen der Gaspreis mindestens ein Jahr lang unverändert bleibt) wurden fast ein Viertel billiger. Familien müssen jetzt die Gasverträge ändern, rät die CREG. Nicht weniger als 7 von 10 Haushalten könnten mehr als 230 Euro pro Jahr bei ihrer Gasrechnung sparen.

Strompreise mehrere Tage negativ

Auf dem Strommarkt sind die Auswirkungen des Coronavirus wohl noch drastischer. Am 21. April stürzte der Ölpreis in den USA für einen Tag unter Null. Doch die Strompreise waren schon lange vorher in die roten Zahlen gerutscht. Mehrere Tage, für ein paar Stunden.  Auch in Belgien und in ganz Westeuropa. An der Großhandelsbörse fiel der Preis sogar unter 115 Euro. Das war am Ostermontag. Danach gab es so viel Stromüberschuss, dass fast zwei Drittel der belgischen Windparks auf See abgeschaltet werden mussten.  Doch selbst dann noch blieb der Strompreis für einen Großteil des Tages unter Null. Stromerzeuger baten ihre industriellen Großkunden, die zusätzlichen Strom kaufen wollten, nicht mehr um Geld. Diese Kunden bekamen einfach noch eine Summe draufgelegt.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Strommarkt so heftig auf wirtschaftliche Veränderungen reagiert. Negative Preise an der Strombörse sind seit Jahren bekannt. Dies hat mit den besonderen Eigenschaften der Elektrizität selbst zu tun. Im Gegensatz zu Öl und Gas kann man Strom kaum speichern. Es gibt also keinen Puffer, um wirtschaftliche Erschütterungen oder plötzliche Überproduktion aufzufangen.

Darüber hinaus muss ein Stromnetz immer im Gleichgewicht sein. Wenn zu viel oder zu wenig Strom durchgeschaltet wird, droht das Netz zusammenzubrechen, und man bekommt einen kolossalen Stromausfall. Große Teile Belgiens oder Westeuropas können dann ohne Strom auf einen Schlag zusammenbrechen. Das will kein Akteur auf dem Strommarkt riskieren. Der wirtschaftliche Schaden eines solchen Stromausfalls wäre enorm. Die Bußgelder für die Störung des Gleichgewichts im Stromnetz sind daher auch gewaltig.

Ein hochempfindliches Wirtschaftsbarometer

Elektrizität ist daher eines der schnellsten und empfindlichsten Konjunkturbarometer. Eine Stärkung oder Schwächung der Wirtschaft ist im Konsum und im Preis sofort sichtbar. Das ist bei der Corona-Krise nicht anders. Die Einschränkungen waren noch nicht richtig angekündigt worden, als die Preise bereits im Sinkflug waren. Am Sonntag, 22. März, einen Monat vor den negativen amerikanischen Ölpreisen, ist der Strompreis in Belgien und in den Nachbarländern bereits unter Null gesunken. Auch an den folgenden Sonntagen lagen die Preise mehrere Stunden lang im roten Bereich. Ende März berichtete der Hochspannungsnetzbetreiber Elia, dass der Stromverbrauch bereits um 18% gesunken sei, in einigen Momenten sogar um -25%.  Der Zusammenbruch war viel schneller und stärker als während der Finanzkrise von 2008, analysierte die CREG.

Rechnet man dazu noch eine grüne Stromproduktion, die aufgrund eines Überschusses an Wind und Sonne auf Hochtouren lief, und die Kernkraftwerke, die ihre Produktion aus Sicherheitsgründen nicht reduzieren konnten, so ergibt sich ein perfekter "Sturm". Am Ostermontag, 13. April, waren die Preise dunkelrot. Doch auch am Dienstag, 21. April, einem "normalen" Arbeitstag nach den Osterferien, stürzte der Strompreis in die roten Zahlen. Eine derart rasche Abfolge negativer Preise ist selbst auf dem turbulenten Strommarkt neu.

Doch so schnell wie der Strompreis zusammenbricht, kann er sich auch wieder erholen. In der letzten Woche war der Preis wieder systematisch positiv, wenn auch immer noch sehr niedrig.

Stromrechnungen bis zu 18% billiger

Für den Strom, den man verbraucht, bezahlt zu werden, das gibt es für normale Familien noch nicht. Eine Privatperson kann bis keinen Strom an der Großhandelsbörse kaufen. Das dürfen nur Stromversorger und große Unternehmen. Doch diese negativen Preise kommen letztlich auch den Familien zugute: Sie werden bereits in unserer Stromrechnung verrechnet. Die Zahlen der CREG zeigen, dass der Durchschnittspreis der Stromverträge für alle belgischen Haushalte im April tatsächlich zusammengebrochen ist.  Auf einen Schlag wurden mehr als hundert Euro abgezogen.

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Linda Zhou

Wegen der Corona-Krise zahlen wir also weniger für unseren Strom. Die CREG hat berechnet, dass ein variabler Stromvertrag seit April 2019 um 18% billiger geworden ist. Bei einem Vertrag mit einem festen Strompreis beträgt dieser 13%. Nicht weniger als drei Viertel der belgischen Haushalte können einen Gewinn von 135 Euro pro Jahr erzielen, indem sie ihren Stromvertrag neu verhandeln oder zu einem anderen Lieferanten wechseln, so die CREG.

Die CREG kommt zu einem weiteren überraschenden Ergebnis: Nicht weniger als 1.800.000 Haushalte in Flandern und Wallonien scheinen immer noch an die zehn teuersten Energieverträge gebunden zu sein. Nur 128.000 gehören zu den 20 billigsten Angeboten. Außerdem haben mehr als eine halbe Million Familien noch immer sehr alte Verträge. 13 Jahre nach der Liberalisierung gibt es immer noch Familien, die ihre Gas- oder Stromverträge nie ausgehandelt oder die an sehr alte Verträge, oft mit sehr hohen Preisen, geknüpft haben.

Wechseln lautet die Devise

Veränderung ist also die Botschaft, betonen Energieregulierer. Fast drei Viertel der belgischen Haushalte könnten einen Gewinn von mehr als 360 Euro pro Jahr erzielen.

Außerdem ist der Wechsel des Lieferanten sehr einfach. Auf den Webseiten der Regulierungsbehörden (V-Test VREG, Energiescan CREG) können Sie die Preise der Anbieter leicht vergleichen. Suchen Sie die billigsten aus, kontaktieren Sie sie und kündigen Sie Ihren Vertrag mit Ihrem alten Lieferanten: Es dauert nur eine Stunde. Ihr neuer und Ihr alter Lieferant werden den Wechsel, der im Prinzip maximal einen Monat dauern sollte, selbst vornehmen.