Wird Wasserknappheit die nächste Krise in Flandern?

Die Grundwasserreserven im belgischen Bundesland Flandern sind und bleiben erschöpft. Wenn wir nichts dagegen unternehmen, so der flämische Biologe Dirk Draulans, dann droht eine Krise. Seit Mitte Mai sei der Zustand ernst: „Das ist das vierte Jahr in Folge, dass wir eine Wasserkrise haben. Eigentlich müsste mal wochenlang kein Wasser aus dem Hahn kommen, damit die Leute einsichtig werden.“ Am Mittwochnachmittag wurde bekannt, dass die flämischen Provinzgouverneure ein landesweites Verbot für das Abpumpen von Wasser aus in dieser Hinsicht problematischen Wasserläufen verfügen. 

An zwei von drei Messpunkten in Flandern ist der niedrige Grundwasserstand „ernst“ bis „sehr ernst“ und für die kommenden Tage und Wochen kündigt sich weiter trockenes Wetter an. „Das ist die Chronik eines angekündigten Problems. Wir sehen die niedrigsten Stände vor einem Sommer, seit Beginn der Messungen. 

Wenn wir einen so trockenen Sommer bekommen, wie im letzten Jahr, dann haben wir ein Problem“, so der Biologe Dirk Draulans am Dienstagabend in der VRT-Sendung „De afsprak“ („Die Verabredung“). Das Problem sei nicht neu, so der Biologe weiter, denn „das ist das vierte Jahr in Folge, dass wir eine schwere Wasserkrise haben. In Flandern ist einfach zu wenig Wasser.“

In den Augen von Dirk Draulans besteht das Risiko, dass Flandern im Laufe des Sommers ein Trinkwasserproblem erlebt, nicht unbedingt gering: „Letztes Jahr war es fast soweit. Manchmal glaube ich, dass es nützlich sein könnte, wenn mal 3 oder 4 Wochen lang kein Wasser aus dem Hahn kommt.“ Der Biologe erkennt selbst, dass diese Idee provokativ daherkommt, doch „die Leute müssen den Ernst der Lage endlich begreifen.“

Manchmal glaube ich, dass es nützlich sein könnte, wenn mal 3 oder 4 Wochen lang kein Wasser aus dem Hahn kommt. Die Leute müssen den Ernst der Lage endlich begreifen. Und wir müssen begreifen, dass die Klimaerwärmung auch schon kurzfristig ein effektives Problem wird.“

Biologe Dirk Draulans zur drohenden Wasserknappheit in Flandern

Man müsse jetzt wirklich einmal über die Konsequenzen nachdenken und über unseren Umgang mit dem Wasser, das uns die Natur liefert: „Und wir müssen begreifen, dass die Klimaerwärmung auch schon kurzfristig ein effektives Problem wird.

Draulans sieht die Probleme schon kommen, denn angesichts eines Sommers im eigenen Garten in diesen Coronazeiten werden massiv Swimmingpools bestellt und das hält der Biologe für keine so gute Idee: „Ich verstehe das. Die Leute kommen gerade aus dem Lockdown und sie haben ihr Bestes gegeben. Doch dann stehen sie schon wieder vor einem Problem. Es wird nicht einfach sein, wieder Einschränkungen aufzuerlegen. Wasser zu verteuern ist eine Option, denn die Menschen müssen verstehen, wie wertvoll dieser Rohstoff ist.“

Wir müssen unsere Landschaften wieder wasserfreundlich gestalten. Wir müssen wieder dafür sorgen, dass die Böden das Wasser wie ein Schwamm aufsaugen und speichern. Die Erde hat keine Chance, um Regenwasser aufzunehmen. Das Wasser strömt einfach so weg…“

Biologe Dirk Draulans zur drohenden Wasserknappheit in Flandern

Seine Vorschläge für kleine Lösungen, an denen sich jeder in Flandern beteiligen könne, sind recht einfach: Weniger autowaschen, weniger duschen, den Wasserhahn nicht unnötig laufen lassen. Auf größerer Ebene seien hingegen strukturelle Lösungen notwendig: „Wir müssen unsere Landschaften wieder wasserfreundlich gestalten. Wir müssen wieder dafür sorgen, dass die Böden das Wasser wie ein Schwamm aufsaugen und speichern. Die Bodenverhärtung muss weg.“

Das betreffe nicht nur die zunehmende Asphaltierung, sondern auch das Drainagesystem für die Bewässerung der industriellen Landwirtschaft: „Die Erde hat keine Chance, um Regenwasser aufzunehmen. Das Wasser strömt einfach so weg…“ In diesen Tagen tagt der Wasserausschuss der flämischen Provinzen um zu prüfen, ob der geltende Notstandscode von derzeit gelb auf orange angehoben werden muss. Dann können die Gouverneure und die Landesregierung Maßnahmen ergreifen und z.B. ein Verbot für die Landwirte erlassen, damit diese kein Grundwasser mehr abpumpen können. 

Ostflandern verfügt schon jetzt Verbote

Im Laufe des Mittwochs wurde bekannt, dass in Teilen der Provinz Westflandern, genauer in Gegenden, in denen kleinere natürliche Wasserläufe Niedrigwasser aufweisen, das Abpumpen von Wasser durch z.B. Landwirte, untersagt wird. Das betrifft Standorte in den Gemeinden Diksmuide, Poperinge und Oostkamp. In Teilen der Provinzen Antwerpen und Limburg gelten solche Verbote bereits seit einigen Tagen.

Ostflanderns Provinzgouverneur Carl Decaluwé sagte, dass es für diesen Sommer nicht gut aussieht: „Das wird der trockenste Sommer seit ungefähr 120 Jahren. Wir leben in einer landwirtschaftlichen Provinz und die Landwirtschaft hat es gerade hier in letzter Zeit ohnehin schwer. Und jetzt das noch… Aber wir müssen tun, was zu tun ist.“ 

Verbot für ganz Flandern verfügt

Ab Donnerstag, Christi Himmelfahrt, ist das Abpumpen von Wasser aus in dieser Hinsicht problematischen Flüssen, Bächen und Grachten in ganz Flandern untersagt, wie die flämischen Provinzgouverneure am Mittwochnachmittag beschlossen haben. Was in Teilen der Provinz Antwerpen seit dem 8. Mai und in Teilen Westflanderns seit Mittwoch der Fall ist, wird angesichts der trockenen Wetterlage in Verbindung mit sehr niedrigen Grundwasserpegeln also auf das gesamte belgische Bundesland Flandern ausgeweitet.

Landwirten wird lediglich zugestanden, begrenzt Wasser aus natürlichen Quellen zu pumpen, um den Viehbestand zu tränken. Für Privatleute gelten noch keine Beschränkungen, z.B. für das Rasensprengen, doch es wird empfohlen, im Allgemeinen Wasser zu sparen und nicht unnötig zu verschwenden. 

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