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“Es wird mehr Corona-Impfdosen als Menschen geben, denen sie injiziert werden können"

Es wird genügend Impfstoffdosen gegen das Coronavirus in Europa geben, wenn erst einmal eines entwickelt worden ist.  Das stellte Paul Stoffels (Foto), Topmanager des belgisch-amerikanischen Pharmakonzerns Janssen Pharmaceutica, in der sonntäglichen VRT-Talkshow „De zevende dag“ (dt.: „Der siebte Tag") klar. 

Gestern wurde bekannt, dass vier europäische Länder - Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande - 300 Millionen Dosen eines möglichen Impfstoffs gegen das Coronavirus bestellt haben. Hierbei handelt es sich um den Impfstoff, der momentan von der Universität Oxford und dem britischen Pharmaunternehmen Astra Zeneca entwickelt wird.

Belgiens Gesundheitsministerin Maggie De Block (Open VLD) erklärte am Samstag, sie halte es für "unklug", dass einige EU-Mitgliedsstaaten getrennt von der übergreifenden Initiative der Europäischen Kommission über den Kauf eines Impfstoffs gegen das Coronavirus verhandeln. Laut De Block sei dies kontraproduktiv und schwäche alle.

Irgendwann wird es so viele Impfdosen geben, dass man nicht genug Arme finden wird, um sie zu injizieren.

Doch Paul Stoffels, wissenschaftlicher Direktor von Johnson & Johnson (der amerikanischen Konzernmutter von Janssen Pharmaceutica) teilt die Furcht vor einem solchen "Impfstoff-Nationalismus" nicht. "Die vier Länder, die jetzt die Führung übernehmen, arbeiten sehr eng mit der Europäischen Kommission zusammen. Es handelt sich um vier wohlhabende Länder, die bereits im Vorfeld kräftig investieren können, um den Unternehmen den Start zu erleichtern", so Stoffels. "Aber diese Länder haben sich auch verpflichtet, die Kapazitäten, die in Europa aufgebaut werden, gemeinsam zu nutzen. Ich gehe davon aus, dass es in Europa genügend Impfstoffdosen für alle geben wird. Ich denke, dass es irgendwann so viele Impfdosen geben wird, dass man nicht genug Arme finden wird, um sie zu injizieren.“

Pflegepersonal erst

Sollte es Janssen Pharmaceutica gelingen, einen Impfstoff auf den Markt zu bringen, werden sie bestimmen, wohin die ersten Dosen gehen werden? "Wir schlagen vor, dass die Impfdosen zuerst bei den Mitarbeitern des Gesundheitswesens infiziert werden", antwortet Stoffels. "Danach kommt die ältere Bevölkerung an die Reihe, weil sie am meisten gefährdet ist. Es wird also nicht nach Land, sondern nach Bevölkerungskategorie verteilt".

Peter Piot, Virologe und Sonderberater der Europäischen Kommission, ist der Meinung, dass eine gute Koordination notwendig ist, um Impfnationalismus zu vermeiden. "Nur wenige Länder und Unternehmen wie Janssen stellen Impfstoffe her. Wenn wir, wie es in den Vereinigten Staaten der Fall ist, davon ausgehen, dass die Impfstoffe, die hier hergestellt werden, unserem eigenen Volk vorbehalten werden, dann wird vieles auf der Strecke bleiben. Deshalb ist es wichtig, gute internationale Vereinbarungen zu treffen, damit jedes Land, auch die ärmeren Länder, Zugang zu diesem Impfstoff haben werden“.

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