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Hat Belgien die Coronakrise schlecht gemanagt? Premier Wilmès verteidigt die Herangehensweise

Laut einer Analyse von 21 OECD-Ländern der britischen Economist Intelligence Unit (EIU) hat Belgien am schlechtesten auf die Corona-Pandemie reagiert. Im dabei aufgestellten Index wurden drei Risikofaktoren und drei Indikatoren bewertet. Bei den Risikofaktoren ging es um die Verbreitung von Übergewicht, den Anteil der über 65-Jährigen und die Einreisen aus dem Ausland. Die drei Indikatoren betrafen die Testkapazität, die Bereitstellung von Gesundheitsleistungen bei anderen Krankheiten als Corona und die Zahl der Covid-19-Sterbefälle. Belgiens aktuelle Regierung verteidigt ihre Herangehensweise an die Pandemie.

Das Belgien in diesem EIU-Index nur 2,11 von möglichen 4 Punkten erzielt, ist in erster Linie auf die hohe Zahl der Sterbefälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus zurückzuführen. Mit 833 Toten pro Million Einwohner hat Belgien deutlich mehr Opfer zu beklagen, als die Krisenländer Italien (569), Spanien (580) oder Großbritannien (580), wie die „Our World in Data“-Statistik der Universität Oxford aufzeigt. Daten der amerikanischen John Hopkins-Universität zufolge starben in Belgien bisher 9.695 Corona-Patienten bei aktuell 60.476 Covid-19-Infizierungen (Stand 19. Juni). Belgiens Regierung verteidigte am Donnerstag ihre Herangehensweise an diese Gesundheitskrise.

Premierministerin Sophie Wilmès (MR) erinnerte in der Fragestunde im belgischen Bundesparlament daran, dass unser Land bei der Zählung der Opfer in jeder Hinsicht Transparenz an den Tag lege. Kein anderes Land gehe derart methodisch bei der Zählung vor: „Unsere transparente Vorgehensweise darf nicht zu hastigen Schlussfolgerungen führen, nach denen wir zu den schlechtesten Schülern in der Klasse gehören und bei denen falsche Schlüsse gezogen werden. (…) Bedeutet das, dass unsere Herangehensweise an die Krise perfekt war? Nein, das will ich auch nicht behaupten, doch man muss aufpassen, dass man angesichts der Wirklichkeit keine falschen Schlüsse zieht.“ 

Unsere transparente Vorgehensweise darf nicht zu hastigen Schlussfolgerungen führen, nach denen wir zu den schlechtesten Schülern in der Klasse gehören und bei denen falsche Schlüsse gezogen werden.“

Premierministerin Sophie Wilmès

In Belgien ist es so, dass neben den Statistiken der in den Krankenhäusern gestorbenen Covid-19-Patienten auch die Sterbefälle in den Senioren- und Pflegeheimen und -einrichtungen mitgezählt werden. Dabei kann es sich auch um Sterbefälle handeln, die aufgrund von fehlenden Testkapazitäten am Angang dieser Gesundheitskrise in solchen Einrichtungen lediglich mutmaßlich auf Corona zurückzuführten waren. Wohl kein anderes Land zählt so akribisch die Todesfälle in Seniorenwohnheimen oder Pflegeeinrichtungen mit, wie Belgien.

In Sachen Testkapazität allerdings steht Belgien ganz oben auf dem EIU-Index, denn inzwischen wird in unserem Land sehr umfangreich getestet. Nicht so gut schneidet Belgien in Sachen Behandlung von anderen Krankheiten während der Coronakrise ab. Trotz wiederholten Apellen der Mediziner in Belgien haben viele Bürger darauf verzichtet, Ärzte zu konsultieren und in den Krankenhäusern sind zahllose Behandlungen und Operationen verschoben worden, aus Angst vor dem Virus. Die Folgen davon werden sich wohl noch zeigen.

Das Gesundheitssystem an sich war in Belgien zu keiner Zeit an der Grenze seiner Belastung angelangt, denn es standen stets ausreichend Betten, auch auf Intensivstationen, zur Verfügung. Allerdings erwies sich hier der seit langem akute Personalmangel im Pflegebereich allerorts als Schwachstelle. 

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