Eine "Wahrheitskommission" soll die belgische Kolonialgeschichte aufarbeiten

Die Erste Kammer des belgischen Bundesparlaments wird einen Ausschuss ins Leben rufen, der sich mit der Aufarbeitung der Kolonialzeit unseres Landes befassen soll. Im Zuge der Rassismus- und „Black Lives Matter“-Debatte ist auch König Leopold II., auf dessen Betreiben es zu den Kolonien unserer Monarchie kam, ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Die weitreichende gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema zeigt aktuell, dass eine Aufarbeitung der Kolonialzeit gerade jetzt angebracht ist. 

Bei einem Treffen von Patrick Dewael (Open VLD), dem Vorsitzenden der Kammer und den Fraktionsführern der im Parlament vertretenen Parteien ist beschlossen worden, die Kolonialzeit Belgiens aufzuarbeiten. Dabei handelt es sich um die Kolonien im Kongo, in Ruanda und in Burundi, die zuerst als „Freistaat Kongo“ im Besitz von König Leopold II. waren und die danach vom belgischen Staat verwaltet wurden. Bald, genauer am 30. Juni, wird der 60. Jahrestag der Unabhängigkeit Kongos von Belgien begangen.

Doch zu der aktuellen Diskussion führte nicht unbedingt dieser Jahrestag, sondern eher die Demonstrationen gegen Rassismus im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd durch Polizeigewalt in Mineapolis vor einigen Wochen. 

Überall, auch in Belgien, weiteten sich die Proteste auch auf die koloniale Vergangenheit und die Sklaverei aus. Kein Wunder, dass sich dies in unserem Land schnell auf König Leopold II. konzentrierte.

Überall wurden Denkmäler und Statuen, die ihn zeigen, beschädigt, mit blutroter Farbe übergossen oder von Socken geholt und immer mehr Städte und Gemeinden wollen solche Monumente, Büsten und Gemälde abhängen oder in Museen verbannen. Andere fordern, dass solche Zeugnisse der Vergangenheit stehen bleiben sollen und gedeutet als Mahnmal genutzt werden müssten. Diskussionsbedarf ist da und jetzt sieht sich auch die Politik dazu gezwungen, sich dem anzunehmen.

Aus diesem Grunde regte der Kammervorsitzende Patrick Dewael an, eine Art „Wahrheitskommission“ einzusetzen, die sich mit diesem Thema befassen soll. Angesichts der deutlich sichtbaren gesellschaftlichen Relevanz dieser Debatte, nicht zuletzt auch im Hinblick auf Schulen und Bildung, sollen dieser Kommission auch Experten für eine wissenschaftliche Aufarbeitung angehören.

Grundsätzlich soll der parlamentarische Ausschuss für Auslandsangelegenheiten die Basis für diesen Ausschuss bilden. Bis zur parlamentarischen Sommerpause soll ein allumfassender Rahmen für eine solche „Wahrheitskommission“ vorliegen, aufgrund dessen dann beschlossen wird, ob es nicht zu einem eigenständigen Ausschuss kommen soll (oder sogar muss). 

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