Pierre Kompany: „Belgien muss für seine Kolonialvergangenheit um Vergebung bitten“

Der erste schwarze Bürgermeister von Belgien und Vater von Fußballspieler Vincent Kompany hat in einem Gespräch mit der französischen Presseagentur AFP gesagt, dass Belgien für seine Taten als Kolonialmacht im Kongo um Vergebung bitten muss: „Es gab zu viele Tabus in der Geschichte, genau wie in bestimmten Familien.“

Der Name Kompany dürfte in erster Linie Fußballfans aufhorchen lassen, denn Sohn Vincent ist ein international bekannter Kicker, dessen Karriere als Verteidiger beim RSC Anderlecht begann. 2006/2007 dann der Wechsel zum HSV – als Nachfolger übrigens von Daniel Van Buyten. Ab 2008/2009 spielte der belgische Nationalspieler für Manchester City.

Vom Flüchtling zum Bürgermeister in Brüssel

Vater Pierre Kompany war sein erster Manager und also erheblich am Erfolg des Fußballstars beteiligt. Der heute 72-Jährige war Mitte der 1970er Jahren als politischer Flüchtling aus dem Kongo (damals Zaire unter Diktator Mobutu) nach Belgien gekommen und hatte, um sein Ingenieurstudium zu finanzieren, als Taxifahrer gearbeitet.

Mehr als 40 Jahre später konnte Pierre Kompany 2018 für die französischsprachigen Christdemokraten (PSC) die Kommunalwahlen in der Brüsseler Gemeinde Ganshoren gewinnen, als erster schwarzer Bürgermeister überhaupt.  

Der Politiker folgt mit Argusaugen die aktuelle Rassismusdebatte und die kritische Auseinandersetzung mit der belgischen Kolonialzeit und ihrer Symbole. Leopold II. hatte den Kongo – ein Gebiet circa so groß wie Westeuropa – 20 Jahre lang als Privatbesitz und rücksichslos und mit eiserner Hand verwaltet.

Die Statuen von Leopold II. gehören seit Langem ins Museum: „Das hätte sie vor dem Vandalismus der letzten Wochen geschützt. Denn niemand besucht ein Museum, um Statuen zu zerstören“ und seine Bewunderer „müssten Eintritt zahlen, um sie zu sehen“ äußert Kompany sich mit Ironie.

Aufarbeitung der Kolonialgeschichte

Historikern zufolge wurde das Gebiet Ende des 19. Jahrhunderts mit brutaler Gewalt kolonisiert und der Anbau und Verkauf von Kautschuk mit Zwangsarbeit vorangetrieben. Historische Dokumente belegen, dass die Kolonialmacht den Einheimischen als Strafe die Hand abhacken ließ.

Pierre Kompany will, dass die Wahrheit ans Licht kommt, 60 Jahre nach der Unabhängigkeit am 30. Juni 1960. Der Wahrheit hätte sogar schon viel früher ein Platz eingeräumt werden können. Aber der belgische Staat hat es vorgezogen, zum 100. Todestag von König Leopold im Jahr 2009 zu schweigen. Es ist die Verantwortung des belgischen Staats, dass die Geschichte aufgearbeitet wird und auch in den Schulbüchern zur Sprache kommt.

Es würde viel bedeuten, wenn der belgische Staat um Vergebung bitten würde. Würde die königliche Familie dies auch tun, würde sie ihr Ansehen steigern: „Die Bitte um Vergebung muss vom Staat und von König Filip kommen“, sagt Kompany der AFP.

Seit 1982 belgischer Staatsbürger

Pierre Kompany ist seit 40 Jahren Belgier und hat drei Kinder – Christel (1984), Vincent (1986) und François (1989) – und sieben Enkelkinder.

In seiner Familie habe man den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit immer wichtig gefunden und Nelson Mandela bewundert.

Sein Geburtsland hat Pierre Kompany erst 2010 wieder besucht, zusammen mit seinem Sohn Vincent, um das Waisendorf einer Nichtregierungsorganisation einzuweihen. „Als ich Kinshasa verlassen habe, zählte die Hauptstadt knapp 1 Million Einwohner. Als ich zurückgegangen bin, waren es über 10 Millionen … Überwältigend“, erinnert sich Pierre Kompany. In Gedanken an diese Menschen, „die uns sehr fern sind“, ist ein Pardon von Belgien wünschenswert. 

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