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EU-Kommissar Frans Timmermans zur Corona-Krise: „Wenn wir nichts tun, werden die Ärmsten und die Schwächsten für die Krise bezahlen.“

Der niederländische EU-Kommissar und Vizevorsitzende der EU-Kommission Frans Timmermans will, dass die EU und die Mitgliedstaaten jetzt in neue Wirtschaftssektoren und insbesondere in Klimamaßnahmen investieren. Wenn dies nicht geschieht, werden die Schwächsten in unserer Gesellschaft die Folgen tragen.

Timmermans war im Sonntagsmagazin „De zevende dag“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks VRT zu Gast. Es war sein erstes Interview nach dem Ausbruch von Covid-19 und einer zweiwöchigen Quarantäne, in die er sich begab, nachdem er in Kontakt mit einem an Corona erkrankten französischen Minister gestanden hatte.

Mehr Schlagkraft

Von der Europäischen Union forderte Timmermans mehr Schlagkraft, eine Eigenschaft, die ihr während dieser nie dagewesenen Gesundheitskrise abhandengekommen scheint. Wohl auch dadurch zu erklären, dass die Volksgesundheit ein nationale Befugnis ist.

Auf dem Weg aus der Krise muss Europa vereint auftreten, angefeuert von ihrem Präsidenten, dem Belgier Charles Michel. Der hatte in den letzten Wochen in der Kritik gestanden, da er sich kaum gezeigt hatte.

Aus der Krise geraten wir über die grüne Wirtschaft, glaubt Timmermans, der den „Green Deal“ auf den Weg brachte. 

Keine Zukunft für traditionelle Wirtschaftszweige

Timmermans befürwortet Investitionen in die neue Kreislaufwirtschaft, in elektrische Mobilität, umweltfreundliche Wohnungsrenovierungen und neue Energien.

„Die alte Wirtschaft hat keine Zukunft. Sie schafft zwar viele Arbeitsplätze, aber wir brauchen Investitionen in die neue Wirtschaft“, plädiert der EU-Kommissar und gibt als Beispiel die Energiewende im Wohnungsbau an. Dadurch schaffe man Arbeitsplätze und kreiere gleichzeitig umweltfreundlichere Lebensbedingungen.“

Die technologische Revolution hat enorme Auswirkungen. Das Klima steckt in der Krise. Die Artenvielfalt ist bedroht wie nie zuvor. Es gilt neue Akzente zu legen und die Lasten besser zu verteilen. „Wenn wir das nicht schaffen, bezahlen die Ärmsten und Schwächsten die Rechnung.“

Kerosinsteuer für Fluggesellschaften

Warum müssen Autofahrer eine Treibstoffsteuer und Bahnfahrer für den Strom zahlen, Fluggesellschaften aber nicht für Kerosin? Gerade jetzt, wo die EU-Mitgliedstaaten viel Geld in ihre Fluggesellschaften investieren, könnte eine Kerosinsteuer als Ausgleich dienen.

Klimaneutral? Flandern kann es schaffen

Als Wegbereiter des Green Deal in Europa strebt Timmermans Klimaneutralität im Jahr 2050 an und eine Reduzierung der CO2-Emissionen von 50 bis 55 Prozent im Jahr 2030.

Flanderns Umweltministerin Zuhal Demir (N-VA) hat dem Green-Deal-Befürworter schon eine Absage erteilt, weil die industrielle Ausrichtung der Wirtschaft und die große Bevölkerungsdichte in Flandern höchstens eine Reduzierung der CO2-Emissionen von 32,6 Prozent ermögliche.

„Flandern ist eine besonders wohlhabende Region und in der Lage, diese 50 Prozent zu erreichen. Der politische Wille muss vorhanden sein. Wir müssen entideologisieren. Klimaverleugner haben ideologische Motivationen: Sie verschließen die Augen vor den Fakten. Wenn wir keine pragmatischere Haltung annehmen, werden die Schwächsten in unserer Gesellschaft die größte Last zu tragen haben."

Bert Spiertz Fotografie

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