Premier Wilmès ruft am 60. Jahrestag der Unabhängigkeit Kongos zu tabuloser Aufarbeitung der Kolonialgeschichte auf

Im Rahmen einer Zeremonie zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit Kongos von Belgien hat Premierministerin Sophie Wilmès (MR) eine Gedenkplatte in Brüssel enthüllt. Vor Vertretern der belgischen Bundesregierung, der Stadt und der Region Brüssel und der kongolesischen Gemeinschaft gab die Premierministerin zu verstehen, dass sich unser Land der wenig ruhmreichen kolonialen Vergangenheit stellen werde.

„Anno 2020 müssen wir in der Lage sein, um klar und deutlich in die gemeinsame Vergangenheit zu schauen. Und diese Vergangenheit ist von Ungleichheit und Gewalt gegenüber den Kongolesen gezeichnet“, so Wilmès. Damit nimmt auch die belgische Premierministerin, genauso wie König Philippe in einem Schreiben an den kongolesischen Präsidenten Félix Tshisekedi, kein Blatt vor dem Mund, wenn es in diesen Tagen um die unrühmliche Vergangenheit unseres Landes während der Kolonialzeit geht.

Am Rande der Zeremonie im Brüsseler Stadtteil Elsene rief Wilmès denn auch zu einer tiefgreifenden Debatte zu diesem Thema auf. Auch sie sprach dabei nicht von einer Entschuldigung, wie dies der König in seinem Schreiben auch nicht getan hatte. Und, der Name König Leopolds fiel ebenfalls nicht. Aber, auch die Premierministerin legte einen Link zur Aktualität und zur Rassismus-Debatte dieser Tage, wo „noch viel Arbeit vor uns liegt, um jedem die gleichen Chancen zu geben.“ 

Wie auch in anderen Ländern in Europa ist der Augenblick auch für Belgien gekommen, um nachforschend an die Wahrheit und an die Erinnerung heranzugehen. Doch jeder Schritt in Richtung Wahrheit und Erinnerung verlangt, dass wir zuerst das Leid anerkennen.“

Premierministerin Sophie Wilmès

Jetzt sei der Moment gekommen, so Wilmes, an die Sache mit offenen Augen heranzugehen: „Wie auch in anderen Ländern in Europa ist der Augenblick auch für Belgien gekommen, um nachforschend an die Wahrheit und an die Erinnerung heranzugehen. Doch jeder Schritt in Richtung Wahrheit und Erinnerung verlangt, dass wir zuerst das Leid anerkennen. Und diese Anerkennung wird deutlich im Brief unseres Staatsoberhauptes an die Kongolesen und an Präsident Tshisekedi ausgedrückt.“ 

Die koloniale Frage erfordert eine gründliche und vielfältige Debatte mit verschiedenen belgischen und kongolesischen Stimmen. Diese Debatte muss ohne Tabus und ehrlich und ruhig verlaufen können.“

Premierministerin Sophie Wilmès

Die Premierministerin forderte eine Debatte zu diesem Thema ohne Tabus: „Die koloniale Frage erfordert eine gründliche und vielfältige Debatte mit verschiedenen belgischen und kongolesischen Stimmen. Diese Debatte muss ohne Tabus und ehrlich und ruhig verlaufen können.“ Dabei verweist auch Wilmès auf den noch einzusetzenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich mit der Kolonialzeit befassen wird.

Rückblick auf die Geschichte

Seit dem späten 19. Jahrhundert hatte Belgien das Gebiet des heutigen Staaten Kongo, Burundi und Ruanda besetzt. König Leopold II. verwaltete dabei den damals sogenannten „Freistaat Kongo“, der etwa 70 Mal so groß war wie Belgien, von 1885 bis 1908 als seinen Privatbesitz und ließ dort mit brutalsten Hand vorgehen, um die Bodenschätze abzubauen. Er selbst war übrigens nie in seiner „eigenen Kolonie“.

Acht bis zehn Millionen Kongolesen sollen nach Schätzungen von Historikern unter seiner Herrschaft damals ums Leben gekommen sein - knapp die Hälfte der damaligen Bevölkerung. Noch bis zum 30. Juni 1960 gehörte das Land zum belgischen Kolonialreich. Nur unter internationalem Druck zu Anfang des 20. Jahrhunderts gab Leopold II. seinen Besitz an den belgischen Staat ab, doch auch damit wurde das Leben der ausgebeuteten Menschen in den Kolonien nicht wesentlich besser.

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