Ist Belgien auf eine 2. Coronawelle vorbereitet? "Noch Hausaufgaben zu machen“

Was passiert, wenn über Belgien eine zweite Coronawelle hereinbricht? Muss es dann zu einem zweiten Lockdown kommen? Oder kann ein solcher Schritt vermieden werden? Virologen und Mitglieder der GEES-Gruppe, die die belgische Regierung in Sachen Exit-Strategie beraten, sind nicht frei von Sorgen und raten dazu, die „Hausaufgaben besser zu machen.“ 

Ob es in Belgien zu einem weiteren Lockdown kommen wird, ist fraglich, doch dass es hier durchaus zu einer zweiten Coronawelle kommen kann, scheint in den Augen einiger Beobachter sicher zu sein. In diesem Fall müssen neue Infizierungen und eventuelle Ansteckungs-Hotspots benannt werden. Dann geht es darum, rasch zu testen und die Kontakte von eventuellen Virusträgern zu finden.

Doch nach Ansicht von Ex-Postchef Johnny Thijs, Mitglied der GEES-Gruppe und des Virologen Marc Van Ranst, ebenfalls in dieser Expertengruppe vertreten, hapert es gerade hier. Beide sind der Ansicht, dass das staatlich-belgische Gesundheitsamt Sciensano, dass übrigens nicht in der GEES-Gruppe vertreten ist, Nachholbedarf hat. 

"Hausaufgaben machen!"

Thijs sagte dazu gegenüber VRT NWS: „Sciensano muss seine Hausaufgaben besser machen. Wir testen und tracen nun schon seit vier Wochen. Ich hoffe, dass sie dort bald detaillierteres Zahlenmaterial auf den Tisch legen. Wir müssen wissen, wo Infizierungen auftauchen und bei welcher Gelegenheit, in welcher Kontaktblase das passieren kann. Wir müssen mit allen Mitteln einen zweiten Lockdown vermeiden und das gelingt uns nur, wenn wir über genauere Informationen verfügen.“ Der frühere Postchef, der die Wirtschaft in der GEES-Gruppe vertritt, verlangt, dass alle entsprechenden Beschlüsse auf Fakten und Zahlen basieren und diese reichen ihm derzeit nicht aus. 

Wir müssen wissen, wo Infizierungen auftauchen und bei welcher Gelegenheit, in welcher Kontaktblase das passieren kann. Wir müssen mit allen Mitteln einen zweiten Lockdown vermeiden und das gelingt uns nur, wenn wir über genauere Informationen verfügen.“

Johnny Thijs, GEES-Gruppe

Vorsichtiger formuliert hier Virologe Van Ranst von der Uni Löwen (KU Leuven) seine Bedenken. Er ist übrigens Fürsprecher für eine weitgehende Mundmaskenpflicht: „Ich bin nicht optimistisch, dass wir einen zweiten Lockdown vermeiden können. Vor allem das Kontakt-Tracing muss schneller und besser werden. Das reicht noch nicht aus.“ 

Beispiel Deutschland

Steven Van Gucht, der Leiter von Sciensano und wie Van Ranst ebenfalls Virologe, glaubt, dass sich ein allgemeiner Lockdown, wie im März und April in Belgien, durchaus vermeiden lässt. Er führt dabei Beispiele aus Deutschland an, wo es lokale und noch kleinere Lockdowns gibt, nach dem neue Corona-Fälle aufgetreten waren: „Dort werden kleinere Bereiche gesperrt - wie ein Unternehmen, eine Schule, ein Wohnblock - nach dem Corona-Ausbrüche festgestellt wurden. Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass es zu keinem landesweiten Ausbruch kommt und dass wir schnell und lokal eingreifen können.“ 

Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass es zu keinem landesweiten Ausbruch kommt und dass wir schnell und lokal eingreifen können.“

Steven Van Gucht, Virologe und Sciensano-Leiter

Flandern will lokal und digital vorgehen

Die flämische Landesregierung will eine zweite Welle des Coronavirus auf lokaler Ebene und auf digitalem Wege vermeiden. Dabei sollen mobile Einsatzteams und eine App eingesetzt werden. Geplant sind 60 Zonen für den Ersteinsatz und sogenannte „Pflegegrade“, die zu den einzeln abgesteckten lokalen Zonen gehören. So sollen neue Virusausbrüche quasi vor Ort behandelt werden und so soll eine Kommunikation mit der flämischen Landesebene auf schnellstem Wege gewährleistet sein.

Hinzu kommen 15 mobile Teams, die aus Medizinern und Pflegern zusammengesetzt sind, die vor Ort den Krankenhäusern und eventuell betroffenen Pflegeeinrichtungen vorbereitend Hilfestellung bieten sollen. In einer ersten Instanz bleiben Tests und Kontaktverfolgung die wichtigsten Mittel und dieses „contact tracing“ soll weiter verbessert werden, um eine weitere oder eine neue Ausbreitung des Virus zu vermeiden. 

Ausrüstung und Impfstoffe

Inzwischen hat Belgien in Sachen Schutzkleidung, Mundschutzmasken und Corona-Tests aufgerüstet, wie Bundesminister Philippe De Backer (Open VLD) angibt. De Backer, der im Kampf gegen Corona für die Versorgung mit medizinischem Material zuständig ist, sieht bei einer zweiten Welle keine Nachschubprobleme, wie sie beim Ausbruch der Coronakrise aufgetreten waren: „Die Lagerbestände sind heute schon größer als früher und sie entsprechen auch den erforderlichen Qualitätsnormen.“ 

Viel wird davon abhängen, welche Anzahl an Impfstoffen jedes Land bekommt, was auf Ebene der Europäischen Union bestimmt wird.“

Pierre Van Damme, Epidemiologe (UA)

Aber, und hier sind sich alle Beteiligten einig, ohne einen wirksamen Impfstoff bleibt das Risiko für anhaltende Probleme mit Covid-19 hoch. Pierre Van Damme, Epidemiologe an der Antwerpener Universität (UA) sagt dazu: „Viel wird davon abhängen, welche Anzahl an Impfstoffen jedes Land bekommt, was auf Ebene der Europäischen Union bestimmt wird. Dann müssen wir bis zum Sommer 2021 zuerst prioritäre Gruppen impfen - Menschen über 65, das Gesundheitspersonal, Polizisten und Feuerwehrleute… Erst vier oder fünf Monate später wird ausreichend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen.“ Van Damme will Impfungen gegen Covid-19 in Belgien übrigens nicht verpflichten.

Meist gelesen auf VRT Nachrichten