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Alarmierender Bericht des flämischen Ombudsmannes über die Seniorenheime während Corona

Ein Bericht des Büros des flämischen Ombudsmanns beleuchtet das Chaos, das in den Seniorenheimen auf dem Höhepunkt der Coronavirus-Pandemie herrschte. Das Dokument, das mehrere Dutzend Seiten umfasst, enthält Zeugenaussagen zu den beängstigenden Situationen, die in diesen Einrichtungen erlebt wurden. Der Bericht wurde am Freitag einem Ausschuss des flämischen Parlaments vorgelegt, der mit der Bewertung des Managements der Coronakrise in Flandern beauftragt worden ist. 

Das Büro des flämischen Ombudsmanns befragte Fachleute, Einwohner und Familienmitglieder. Fast alle sprachen von Chaos, ein Wort, das manchmal nicht einmal die Realität erfasst. Oft ist von „kriegsähnlichen“ oder „grauenhafte Zeiten" die Rede.

"Ich habe von Pflegeheimbewohnern gehört, die Essen in ihre Taschen oder Schränke versteckten, weil sie dachten, sie müssten es rationieren, weil ein Krieg ausbrechen würde", sagt ein Mitarbeiter.

Die Reaktion auf dieses Chaos ähnelte nach Ansicht mehrerer Zeugen dem "Panikfußball": Reaktionen, die mehr von Emotionen diktiert wurden als von wohlüberlegten Entscheidungen auf der Grundlage klarer Richtlinien. Und für einige waren die Richtlinien, z.B. in Bezug auf Schutzausrüstung, eher von der Verfügbarkeit dieser Ausrüstung als von wissenschaftlichen Erkenntnissen diktiert. Beispielsweise wurden sich einige Betreuer angesichts sich ändernder Anweisungen der Fehler bewusst, die sie gemacht hatten.

"Es war ein Chaos, wir arbeiteten in der gleichen Kleidung mit kontaminierten und nicht kontaminierten Menschen", berichtet einer von ihnen.

Dies hatte Auswirkungen auf den Kontakt mit den Bewohnern und ihren Familien. "Wir konnten der Außenwelt nicht sagen, dass es Fälle von Covid-19 gab, weil wir uns keinen schlechten Ruf verschaffen wollten", fügt ein anderer hinzu.

Zeugen sind kritisieren auch die Politik. "Wenn es eine Flut gibt, sind sie mit ihren Stiefeln sofort zur Stelle. Aber hier habe ich noch keine Politiker gesehen", erklärt ein Direktor.

"Wir haben die alten Menschen und die Seniorenheime, in denen sie leben, einfach vergessen.“

Ein Sohn beschuldigt: "Wir haben die alten Menschen und die Seniorenheime, in denen sie leben, einfach vergessen. Wir sprachen erst über sie, als es schon Tausende von Toten gab".

Der Bericht erwähnt verschiedene Zeugenaussagen über die Situation nach dem Lockdown in den Pflegeheimen. "Sehen Sie sich meine Mutter an. In kurzer Zeit wurde sie zu einer Pflanze, die an ihren Rollstuhl gefesselt war. Sie erkennt niemanden und kann nicht mehr gehen oder sprechen", sagt ein Sohn.

"Besuche waren nur erlaubt, wenn der Angehörige schon im Sterben lag: Zwei Angehörige konnten für eine halbe Stunde beim Sterbenden bleiben. Die Person war noch nicht tot, aber es lag bereits ein Leichensack darunter, so dass dieser sofort geschlossen werden konnte und keine Gefahr bestand, die Infektion zu verbreiten. Der Bewohner wusste, dass er allein war und im Sterben lag, und fühlte sich allein. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich", sagte eine Betreuerin.

Auch wenn die Coronakrise zu Ende geht, das Personal bleibt erschöpft und daran ändert sich vorerst wohl nichts.  "Die Situation ist jetzt ruhiger, aber wir sind immer noch psychisch am Ende", räumt eine Krankenschwester ein.

Ende Juni wurden viele Zeugenaussagen gesammelt, als die Mitarbeiter erfuhren, dass das flämische Parlament den Vorschlag zur Gewährung einer Prämie von 300 Euro abgelehnt hatte. Viele sagten, das habe sie schockiert.

Kritik am flämischen Gesundheitsministers Wouter Beke (CD&V)

"Die Menschen sind seelisch und körperlich gebrochen, weil Flandern nicht vorbereitet war", reagierte der flämische Abgeordnete Hannes Anaf (SP.A) am Freitag auf den Bericht.

"Jede Zeugenaussage deutet darauf hin, dass die Verwaltung unter (dem flämischen Gesundheitsminister Wouter) Beke chaotisch reagierte, dass es an Führung mangelte, dass Misstrauen herrschte und dass die Leute den Fakten hinterher jagten", sagte Björn Rzoska von den Grünen. "Die Altenheime mussten improvisieren, um die Lücken zu füllen.

Der Bericht, der voller schockierender Zeugenaussagen ist, die viel Not und Leid andeuten, wurde am Freitag dem Ausschuss des flämischen Parlaments vorgelegt, der mit der Bewertung des Managements der Coronavirus-Krise in Flandern beauftragt war. "Die Zeugenaussagen haben alle in der Kommission erschüttert", sagte Lorin Parys von der N-VA. Die N-VA, OpenVLD und CD&V-Mehrheit (flämische Nationalisten, Liberale und Christdemokraten) selbst gab zu, dass es Anlass gab, schockiert zu sein.

Die Opposition ihrerseits versäumte es nicht, anzugreifen. "Das Personal und die Leitung haben wirklich alles getan, um die Krise in den Altenheimen zu bekämpfen, aber der Mangel an schneller Unterstützung durch die flämischen Behörden in Form von Schutzausrüstung und zusätzlichem Personal führte zu diesen Horrorgeschichten", beklagte Hannes Anaf.

"Das tödliche Coronavirus hat die Bewohner, Familien und Mitarbeiter von Pflegeheimen auf die Rolle von Statisten reduziert", fasste Björn Rzoska zusammen. Rzoska möchte, dass der Mangel an Koordination untersucht wird, um festzustellen, ob er möglicherweise die Auswirkungen der Pandemie verschlimmert hat.

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