Die aktuellen Corona-Zahlen im Vergleich zur ersten Welle: Wo stehen wir heute?

Mit 416 neuen Coronainfektionen am vergangenen Montag befinden wir uns derzeit auf dem gleichen Stand wie kurz vor dem Lockdown im März und das, was die Zahl der Neuinfektionen betrifft. Bedeutet das aber auch, dass die Situation heute genauso ernst ist wie damals? Was genau sagen uns die Zahlen, und wie sollen wir sie interpretieren? Wir fragten es den Biostatistiker Geert Molenberghs.

Kaum 4 Monate nach dem Ausbruch der Coronapandemie in Belgien scheinen wir bereits auf eine zweite Welle zuzusteuern. Im Durchschnitt gibt es jetzt 220 Neuinfektionen pro Tag. Fast eine Verdoppelung der Zahlen der Vorwoche. Letzten Montag zählten wir sogar 416 Neuinfektionen.

Um zu wissen, wie ernst die heutige Situation ist, vergleichen wir die Zahlen mit denen vom März. In der Woche vom 9. bis 15. März, der Woche vor der Ausgangssperre, wurden 1.348 Neuinfektionen registriert. Das bedeutet einen Durchschnitt von 193 Infektionen pro Tag. Etwas weniger als heute. Am 17. März, dem Tag, an dem der Lockdown angekündigt wurde, gab es bereits 422 Infektionen. 

Wir schätzen, dass wir Anfang März nur 1 von 30 Infektionen entdeckt haben, während es jetzt 1 von 3 Infektionen ist
Biostatistiker Geert Molenberghs

Mitte März, zu Beginn der ersten Welle, gab es täglich etwa ebenso viele Neuinfektionen wie heute. Bedeutet das, dass wir uns heute bereits in der gleichen schlimmen Situation befinden wie damals?

"Das nicht", sagt der Biostatistiker Geert Molenberghs von der UHasselt und KU Leuven. "Im März gab es viel weniger Tests als jetzt, was bedeutet, dass wir ohnehin mehr Infektionen hatten, als getestet wurden. Wir schätzen, dass wir Anfang März nur 1 von 30 Infektionen entdeckt haben, während es jetzt 1 von 3 Infektionen ist".

Das würde bedeuten, dass Mitte März nicht tatsächlich 400 zusätzliche Infektionen pro Tag aufgetreten sind, sondern 30 Mal mehr. Also 12.000. Während es heute, pro Tag "nur" 1.200 Infektionen gäbe. "Obwohl es sich natürlich um Schätzungen handelt", betont Professor Molenberghs.

"Das lässt uns ein wenig Spielraum, um heute einzugreifen. Wir können immer noch etwas tun, aber es muss jetzt getan werden".

Wenn heute 1 von 3 Infektionen entdeckt wird, bedeutet das auch, dass immer noch 2 von 3 Infektionen unentdeckt bleiben. "Wir schätzen, dass etwa 40 Prozent der Infizierten keine Symptome zeigen", sagt Professor Molenberghs. "Darüber hinaus gibt es solche mit nur leichten Symptomen. Sie gehen nicht immer zum Arzt, weil sie glauben, dass sie nur ein bisschen erkältet sind".

Krankenhausaufnahmen

Vielleicht erhalten wir ein genaueres Bild, wenn wir uns die Zahl der Krankenhauseinweisungen ansehen. In der Woche vom 17. bis 23. Juli wurden durchschnittlich 15 Personen pro Tag mit einer Coronainfektion ins Krankenhaus eingeliefert. Vom 16. bis 22. März (die erste volle Woche mit verfügbaren Zahlen über Krankenhauseinweisungen, Anm. d. Red.) landeten durchschnittlich 211 Personen pro Tag im Krankenhaus.

"Das beweist, dass die Situation im Moment etwas weniger ernst ist. Es zeigt aber auch, dass das Virus unter der älteren Bevölkerung und in den Pflegeheimen im Moment noch nicht echt problematisch ist", sagt Molenberghs. "Dies sind die am meisten gefährdeten Gruppen. Die Zahl der Krankenhausaufenthalte und der Todesfälle wird rapide ansteigen, wenn sie erneut vom Virus befallen werden".

Andere Umstände

Die Situation heute ist auch nicht ganz vergleichbar mit der Situation Anfang März. "Damals war es vor allem die reisende Mittelschicht, die die Epidemie in unserem Land auslöste", sagt Professor Molenberghs. "Jetzt sind es vor allem die jungen Leute zwischen 18 und 30 Jahren, die begonnen haben, die Maßnahmen nachlässig zu handhaben. Sie wissen, dass sie weniger gefährdet sind, ernsthaft zu erkranken, aber sie können das Virus leicht an die älteren Generationen weitergeben".

Aber auch lokale Gemeinschaften, oft mit anderem ethnischem Hintergrund, sind nun stärker betroffen. "Das sind oft Menschen, die weniger reisen, die aber in Gruppen zusammenkommen und eine kulturell die Gewohnheit haben, sich näher zu kommen", sagt Molenberghs. "Man kann auch den Unterschied z.B. zwischen den Finnen, die von Natur aus reservierter sind, und den Italienern sehen, die oft in großen Familien zusammenkommen und miteinander auch engen körperlichen Kontakt haben".

Jetzt sind es vor allem die jungen Leute zwischen 18 und 30 Jahren, die die Maßnahmen nachlässig handhaben

Und wie steht es um den berühmten R-Wert, die Reproduktionsrate.  Derzeit liegt diese Zahl bei 1,27, so der jüngste Sciensano-Bericht. Das bedeutet, dass eine infizierte Person das Virus an 1,27 neue Menschen weitergibt.

"Zu Beginn der Epidemie war der R-Wert wahrscheinlich höher, etwa 3", sagt Professor Molenberghs. "Aber in der Provinz Antwerpen haben wir bereits einen R-Wert von fast 2. Das ist also sehr beunruhigend. Wenn wir nicht aufpassen, landen wir in die gleiche Lage wie amerikanischen Bundesstaaten, wo die Zahl der Infektionen in bestimmten Staaten 10 bis 15 Mal höher ist als beim ersten Höhepunkt".

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