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Chefarzt von Sint-Jan in Brüssel warnt: Zustände wie in Antwerpen können bald auch hier eintreten

Chefarzt Kenneth Coenye vom Sint-Jan-Krankenhaus befürchtet, dass Brüssel dieselbe Entwicklung bevorsteht wie Antwerpen, wo die Corona-Zahlen dramatisch steigen. Unterdessen hat der Brüsseler Gesundheitsminister Alain Maron (Ecolo) in einem VRT-Interview gesagt, eine Ausgangssperre  sei in der Region nicht auszuschließen, stehe zurzeit jedoch nicht auf der Tagesordnung.

Am Dienstagabend hatte die Leiterin der Brüsseler Gesundheitsinspektion, Inge Neven,  im Nachrichtenmagazin Terzake gesagt, dass die Anzahl der Corona-Infektionen in der Region Brüssel-Hauptstadt mit Antwerpen vergleichbar sei. Neven hatte von 2 Prozent positiven Testergebnissen gesprochen bei einem 4- bis 5-prozentigen Anteil in Antwerpen.

Aktuell fallen 6,8 % der Corona-Tests in Sint-Jan positiv aus.

Der Leiter des Sint-Jan-Krankenhauses äußerte sich am Mittwochabend ebenfalls in Terzake und holte die neuesten Zahlen für sein Krankenhauses hervor: Wir führen pro Woche 500 Tests aus und stellen fest, dass wir in den letzten zehn Tagen im Durchschnitt 6,8 % positive Ergebnisse erhalten. Das ist viel höher als Ende Juni, als wir im Durchschnitt auf 0,8 Prozent positive Tests kamen, was dem nationalen Durchschnittswert entsprach“, so Coenye.

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Hohe Ansteckungsgefahr

„Die getesteten Personen bewegen sich ohne jede Einschränkung in der Gesellschaft. Es sind Personen, die keinerlei Symptome hatten und die sich, zum Beispiel wegen einer Reise oder auf Anfrage im Rahmen einer Kontaktnachverfolgung, testen ließen.  

Chefarzt Kenneth Coenye macht sich große Sorgen über die Entwicklung in der Hauptstadt: „Zustände wie in Antwerpen können bald auch hier eintreten. Wir haben dieselben Bevölkerungsgruppen im Zentrum von Brüssel wie in den schwer betroffenen Bezirken in Antwerpen. Großfamilien teilen sich kleine Wohnungen und ein Großteil des sozialen Lebens spielt sich auf der Straße ab. Durch diese Konzentration an Menschen kann sich das Virus viel einfacher verbreiten.“

Coeyne hat auch festgestellt, dass viele positiv getestete Patienten einen Migrationshintergrund haben: „Zu uns kommen viele Personen mit einer doppelten Staatsbürgerschaft, die sich beispielsweise vor einer Reise nach Marokko testen lassen wollten. Es sind 30- bis 40-Jährige. Wir haben insbesondere Angst, dass diese ihre Eltern und Großeltern anstecken können und wir dann in zwei Wochen eine kritische Anzahl von Krankenhausaufnahmen sehen.“

Biostatistiker Geert Molenberghs: Brüssel wird extra Maßnahmen treffen müssen

„Aus den Angaben des Sint-Jan-Krankenhauses geht hervor, dass von 100 Tests 7 positiv ausfallen. In Antwerpen liegt das Verhältnis bei 9 zu 100. Wenn wir über 1 Prozent positiver Testergebnisse liegen, beschleunigt sich die Ausbreitung der Epidemie“, so Molenberghs.

In Brüssel werden die Behörden über strengere Maßnahmen nachdenken müssen, warnt der Biostatistiker.

Brüsseler Gesundheitsminister über Ausgangssperre: „Es gibt kein Tabu.“

„Unsere Behörde analysiert konstant die Zahlen von Sciensano, um Infektionsherde in den Gemeinden, Stadtvierteln oder in bestimmten Bevölkerungsgruppen zu identifizieren. Sofern wir Zusammenhänge feststellen, informieren wir die Gemeinde. Das haben wir bereits für u. a. Sint-Joost und Schaarbeek getan.

Maron räumt Probleme bei den Testkapazitäten ein: „Die Labors waren überlastet, insbesondere  wegen Auslandsreisender, die einen Corona-Test machen wollten. Man habe ein Aufflackern der Epidemie nicht vorausgesehen. Seit Anfang der Woche haben wir zusätzliche Testmöglichkeiten geschaffen.“

Der Brüsseler Minister schließt eine verschärfte Ausgangssperre wie in Antwerpen nicht aus. Aber sie stehe zurzeit nicht zur Diskussion: „Erst wenn die Corona-Fälle global für die gesamte Region steigen, wird eine solche Maßnahmen eingeführt.“ 

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