Konzertsaal des Kulturzentrums Vooruit in Gent

Coronakrise: Belgiens Musiksektor schlägt mit einem offenen Brief Alarm

Der Musiksektor in Belgien, genauer der Live- und Konzertsektor, befindet sich seit Ausbruch der Corona-Epidemie in einer existentiellen Krise. Dies unterstreichen die jüngsten Maßnahmen der belgischen Bundesregierung und die am Montag angekündigten Stellenstreichungen im Brüsseler Konzert- und Musiktempel Ancienne Belgique. Jetzt ruft der Sektor mit einem offenen Brief an die Politik um Hilfe und fordert Unterstützung und eine Perspektive.

Die Meldung, nach der das Management der Ancienne Belgique (kurz AB) aufgrund der Coronakrise die Zusammenarbeit mit rund 200 freien Mitarbeitern beenden muss (siehe nebenstehenden Beitrag), sorgte einmal mehr für einen Aufschrei in der belgischen Musikwelt. „Das ist ein Beispiel dafür, so es hingehen wird. Wenn wir diesen Sektor noch lange haben wollen, dann ist ein großer Rettungsplan nötig“, so Mike Naert, der Leiter des Musik- und Konzertzentrums Het Depot in Löwen (Flämisch-Brabant). 

Hier geht es nicht nur um die 200 Freelancer in der AB, sondern um mehrere tausend Beschäftigte. Unser Job liegt seit Beginn der Coronakrise Mitte März lahm. Das Drama ist viel größer, als die Leute glauben.“

Mike Naert, Leiter des Musikzentrums Het Depot/Löwen

Gemeinsam mit den Kollegen aller andere Musikclubs, Festivals und Konzertzentren in Belgien schlägt Mike Naert jetzt mit einem offenen Brief an die Politik Alarm. Dabei ist nicht nur der Fall der AB in Brüssel ausschlaggebend, sondern auch die Tatsache, dass immer mehr Städte und Gemeinden nach der Wiederaufflackerung der Epidemie mit steigenden Infizierungszahlen bereits geplante Events streicht und annulliert.

Manche Kommunen haben alles bis zum Jahresende gestrichen, andere bis Ende August, bis Ende September oder bis Ende Oktober. Das aber sorgt dafür, dass dem Sektor auch die letzten Reserven noch abgegraben werden. 

Wahnsinn! Wir haben monatelang an sicheren Maßnahmen und Veranstaltungen geplant. Das wir alles mit einem schnellen Beschluss zunichte gemacht. Ohne Rücksprache. Jeder Euro, den unser Sektor bekommt, ist wirklich nötig.“

Mike Naert, Leiter des Musikzentrums Het Depot/Löwen

Inzwischen gibt es mehrere Notfonds für die Beschäftigten im Livemusiksektor. Einer davon kommt von der flämischen Landeregierung und ein anderer, „LIVE2020“, vom Sektor selbst. Dieser Fonds wird von der König Baudouin-Stiftung verwaltet. Inzwischen macht eine Summe von bis zu 160 Mio. € die Runde, die nötig ist, um den Sektor in seiner aktuellen Form mehr oder weniger erhalten zu können.

Wie steht in den offenen Brief des Musiksektors sinngemäß eindringlich geschrieben? „Es ist für den einen 5 vor 12 und für den anderen 5 nach 12. Für uns tickt die Uhr nicht mehr. Die Bombe ist kurz davor, zu explodieren…“ 

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