Chef der Uni-Klinik Saint-Luc warnt: "Kontaktblasen und landesweite Vorschriften sind Unsinn“

Der Chef der Uni-Klinik Saint-Luc in Brüssel, Jean-Luc Gala, nennt die Auflage kleiner Kontaktblasen und strenger Corona-Vorschriften Unsinn. Das hat der Facharzt für Infektionskrankheiten im VRT-Radiomagazin De ochtend gesagt. Diese Maßnahmen verfehlen ihr Ziel und ruinieren unsere Wirtschaft, so Gala. In Saint-Luc stellt Gala keine Anzeichen für eine zweite Infektionswelle fest: „Die Anzahl der Covid-19-Patienten ist nicht gestiegen und auf der Intensivstation bleibt der Zustand ruhig und unter Kontrolle.“

Professor Jean-Luc Gala und andere Experten aus dem französischsprachigen Landesteil stellen die Empfehlungen der flämischen Virologen an die Behörden in Frage. Gala findet, dass diese die Corona-Zahlen falsch interpretieren und die Politik in diesem Sinne beeinflussen.

Im Interview mit Radio 1 sagte Professor Gala am Donnerstagmorgen, dass die flämische Presse schreibe, dass Brüssel ein schweres Problem mit den Infektionszahlen habe: „Wir stellen das jedoch nicht im Krankenhaus fest“. 

Keine Überlastung in den Krankenhäusern

Professor Gala bestätigt, dass die Zahl der positiven Corona-Tests steigt. Allerdings wirke sich diese Entwicklung nicht auf die Situation in den Krankenhäusern aus. Anzeichen für eine zweite Infektionswelle gibt es nicht und die Zahl der Covid-19-Patienten im Krankenhaus hat nicht zugenommen: „Die Lage auf der Intensivstation bleibt weiterhin ruhig und ist komplett unter Kontrolle.

Der Chefarzt von Saint-Luc kann auch keine erhebliche Zunahme der Todesfälle feststellen, „außer in den letzten Tagen“, was jedoch auf die Hitzewelle zurückzuführen sei, „welche immer eine höhere Todesrate zur Folge habe.“

Wissenschaft und Politik nicht verwechseln

Der Chefarzt wurde auch gefragt, ob er denn nicht verstehe, dass die Virologen mit ihren Empfehlungen verhindern wollen, dass die Krankenhäuser überlastet würden. Das könne er gut verstehen, sagte Gala im Radiointerview am Donnerstagmorgen. Er wies aber auch daraufhin, dass die Krankenhäuser viel besser vorbereitet seien als im Frühjahr und man mit der Kontaktnachverfolgung Fortschritte gemacht habe. Außerdem herrsche jetzt endlich Maskenpflicht.

Gala wies auch darauf hin, dass man Wissenschaft und Politik nicht verwechseln dürfe: „Es ist unsere Aufgabe, Empfehlungen auszusprechen, aber wir müssen uns immer bewusst sein, dass alles, was wir sagen, enorme wirtschaftliche Auswirkungen haben kann. Ich glaube nicht, dass man sich dessen ausreichend bewusst ist.“

Der Chefarzt von Saint-Luc betont, dass er den Schutz der Bevölkerung extrem wichtig finde. Wenn jedoch die Wirtschaft am Boden sei, verursache dies auch schwerwiegende psychische Probleme bei der Bevölkerung.

Kaum Gehör gefunden

Der Leiter der Uni-Klinik im Osten von Brüssel bedauert auch, dass er kaum Gehör findet, während die Virologen in Flandern sehr großen Einfluss hätten. Ohne ihn namentlich zu erwähnen, übt Gala Kritik an Marc Van Ranst, Virologe an der KU Leuven  (Foto unten). Aufgrund seines „drohenden Arbeitsstils“, befürchtet Gala, dass die Politiker keinen Widerspruch wagen.

Der Nationale Krisenrat, der am Donnerstag über die weiteren Corona-Vorschriften berät, sollte feinmaschige Maßnahmen treffen und nur dort, wo sie erforderlich sind“, schlägt Jean-Luc Gala vor. Nicht also für ganz Belgien, wie der flämische Virologe Steven Van Gucht noch am Mittwochabend vorgeschlagen hatte.

Antwerpen als Paradebeispiel

„Nationale Maßnahmen sind Blödsinn“, so der Infektionsfacharzt: „Genau wie die kleinen Kontaktblasen.“ Voraussetzung ist, dass lokale Infektionsherde gut gemeistert werden. „Antwerpen ist ein fantastisches Beispiel, dass wir lokale Infektionsherde in den Griff bekommen“, stellt Professor Gala fest: „Globale Maßnahmen können wir uns nicht mehr erlauben.“

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